Gedichte2000.de - Die Gedichte-Homepage

Geschichte

 
Zurück Zur Übersicht Weiter

Die Leiter

rednosed, 29. Dezember 2003
Es ist 8.20 in der Früh und ein junger Mann tritt aus seiner Wohnung in der 3. Etage.
Beim Abschließen der Tür denkt er darüber nach, was ihm der heutige Arbeitstag im Reisebüro wohl bringen wird.
Im Treppenhaus setzt er seinen Aktenkoffer kurz ab und überprüft den korrekten Sitz seiner gestreiften Krawatte.
Noch ein letzten Blick in den Briefkasten und dann geht es hinaus in die Einkaufszone der Kleinstadt.
In seinem anthrazitfarbenen Anzug, mit dem hellblauen Hemd und den schwarzen Lederschuhen, sieht er, trotz seiner 23 Jahre, schon wie ein echter Geschäftsmann aus.
Sein aufrechter Gang strahlt Selbstsicherheit aus und beim durchqueren der Einkaufszone begrüßen ihn freundlich einige der Passanten.
Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm an, dass noch etwas Zeit bleibt und so geht er in einen kleinen Bäckerladen.
Die junge, hübsche Verkäuferin blickt ihn erwartungsvoll an.
Mit einem Lächeln streicht sie durch ihre blonden Haare:
„Hallo Rudolf! Na, wieder nicht gefrühstückt?
Wenn ich nicht wäre, würdest Du wahrscheinlich verhungern.“

Lässig lehnt er sich an den Verkaufstresen und mit dem unschuldig, treuen Blick eines Boxerwelpen schaut er ihr tief in die Augen:
„Ach, Nicola! DU bist doch schuld, dass ich mein Brötchen nur hier esse.
Ich komme doch nur hierher um in deine schönen blauen Augen zu schauen.“

Das Einpacken des Käsebrötchens nutzt sie, um sich von seinem Blick loszureißen und 2-3 Sekunden braucht sie um ihre Fassung wieder zufinden.
Mit einem anscheinend gelangweiltem Gesicht, reicht Sie ihm das Brötchen über den Tresen:
„Alter Charmeur! Du glaubst wohl auf diese Masche fallen alle Mädels rein.
Für dich sind Frauen doch nur wie eine Zigarette. Einmal rauchen und dann wegschmeißen.
Ich wünsch dir noch einen schönen Tag.“

Achselzuckend bezahlt er. Kurz vorm Verlassen des Bäckerladens bleibt er noch kurz stehen und blickt lächelnd zurück:
„Dankeschön, sehr nett! Es ist eben noch nicht die Richtige gekommen. Bis Morgen, Nicola!“
Erst draußen auf der Straße bemerkt er, wie stark sein Herz schlägt.

Durch das Schaufenster beobachtet Nicola, wie er sein Brötchen in den Aktenkoffer packt. Noch einmal treffen sich Ihre Blicke und während er, scheinbar erhaben über alle Mächte, weitergeht, kann sie nur noch seinen breiten Rücken sehen.
Auch ihr Herz pocht und sie fragt sich, ob sie nicht zu grob zu ihm war.
Während sie wohlwollend seinen selbstsicheren, aufrechten Gang verfolgt, atmet sie noch einmal tief durch. Wenn er bloß nicht so arrogant wäre!
Nur noch 10 Meter, dann ist er aus ihrem Blickfeld entschwunden.
Doch plötzlich bleibt er stehen....

Steif wie eine Wachsfigur verharrt er für ein paar Sekunden auf der Stelle.
Sein Blick ist starr und ins Leere gerichtet.
Argwöhnisch beobachtet Nicola den Vorgang. Irgendetwas stimmt da doch nicht!

Und plötzlich..., in Zeitlupe..., wie ein gefällter Baum, kippt dieser junge Mann mit seinen ganzen 1.91 Länge um... und schlägt mit voller Wucht mitten in der Fußgängerzone auf.
Wie eine Furie stürzt Nicola aus ihrem Bäckerladen. Ein ganzes Kuchentablett geht dabei zu Bruch.
Sie ist die erste, die bei ihm ankommt. Einige Passanten stehen nur hilflos herum, während sie als einzige bei ihm niederkniet.
Er ist bewusstlos und zuckt stark, als würde sein Körper unter Strom stehen. Seine Hand, die den Aktenkoffer immer noch krampfhaft umklammert, blutet. Er hat sich die Nase aufgeschlagen und das Blut läuft ihm über das Gesicht.

„Was steht ihr hier rum? Nun ruf doch jemand den Notarzt!!
Weinend nimmt sie seinen Kopf in ihre Hände, denn beim Krampfen schlägt er immer wieder auf das harte Kopfsteinpflaster auf.
Mit ihrer Schürze wischt Nicola ihm das Blut vom Gesicht.
Nach ein paar unendlich langen Minuten hat das Krampfen schließlich ein Ende und der Krankenwagen kommt...
Der Junge Mann kommt wieder zu sich und blickt in die ängstlich geweiteten Augen von Nicola.
Er kann noch nicht reden. Die Krankenpfleger helfen ihm auf und führen ihn zum Notarztwagen.
Dabei muss er den Kopf hoch halten und versucht mit einem Taschentuch die Blutung zu stillen. Ein letzter scheuer Blick zurück auf Nicola... dann ist er verschwunden...

Die angesammelte Menschenmenge löst sich wieder auf, doch Nicola steht noch immer noch auf der Straße.
Sie steht unter Schock. Ihre Schürze ist mit Blut befleckt und an ihren Wangen trocknen nur allmählich die Tränen.
Schon öfter hat sie einen Epilepsieanfall miterlebt, doch noch nie war sie so geschockt.
Dieser Mann, der da soeben in ihren Armen krampfte war nicht irgendeiner...

Eine Woche später:
Es ist 8.20 in der Früh und ein junger Mann tritt aus seiner Wohnung in der 3. Etage.
Beim Abschließen der Tür denkt er darüber nach, was ihn wohl gleich erwartet.
Im Treppenhaus setzt er seinen Aktenkoffer kurz ab und überprüft nervös den korrekten Sitz seiner gestreiften Krawatte.
Noch einmal tief durchatmen und dann geht es hinaus in die Einkaufszone der Kleinstadt.
Er geht gebeugt, möchte nicht beachtet werden und beim durchqueren der Einkaufszone schaut er angestrengt in die Schaufenster um den Blicken der Passanten zu entflehen.
Kurz vor dem Bäckerladen wechselt er auf die andere Straßenseite...
Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm an, dass noch etwas Zeit bleibt...
Doch mit eiligen Schritten, wie ein gehetztes Wild, geht er weiter...

Jeden Morgen verfolgt Nicola traurig diesen Vorgang. Sieht, wie er mit gesenktem Blick an ihr vorbeihuscht. Sie möchte mit ihm sprechen. Wünscht sich so sehr, dass er zu ihr hereinkommt und wieder sein Frühstücksbrötchen bei ihr bestellt.
Doch nie wieder hat dieser junge Mann ihren Laden betreten...

2 Wochen später beim Aufschließen ihres Bäckerladens klebt eine rote Rose mit einem Zettel an der Tür: „Danke!“
Von da an hat sie ihren jungen Mann keinen Morgen mehr zu Gesicht bekommen.
Auf seinem Weg zur Arbeit umgeht er geschickt die Einkaufszone, biegt in eine Seitengasse ein und nimmt einen Umweg in kauf.
Alles nur um ihren Blicken zu entfliehen....
Warum?
Sie kennt jetzt sein Geheimnis.
Weiß jetzt um seine Schwäche.
Der junge Mann hat Angst, dass sie ihn jetzt bemitleidet, nicht mehr für voll nimmt und dass könnte er nicht verkraften.
Falscher Stolz? Nein! Einfach nur Unvermögen und Angst...

Dabei wäre er so gern zu ihr gegangen, um sich bei ihr zu bedanken, um wieder sein Frühstücksbrötchen bei ihr zu bestellen und endlich wieder in ihre schönen Augen zu blicken...
Doch als er nach ein paar unendlich langen Monaten wieder Mut fasst und vor ihrem Bäckerladen steht, ist sie verschwunden...

Erst 15 Jahre später treffen die Zwei sich zufällig wieder. Ja, in einem anderen Bäckerladen, wo Nicola gerade arbeitet und der junge Mann ein Mandelhörnchen kaufen möchte.

Vor lauter Aufregung vergisst sie zu kassieren und er lässt die Tüte mit dem Mandelhörnchen auf dem Tresen liegen.
Aber am Abend gehen die Beiden gemeinsam in ein nettes Lokal und bei einem Glas Wein lassen sie das aus ihren Seelen heraus, was sie sich bisher nicht sagen konnten.
Dank, Nicola!
....
Eine hohe Mauer versperrt den Weg des Lebens,
düster, grau, von dichtem Nebel eingerahmt.
Ihr Fundament ist an das Leid vergeben,
Stein für Stein aus Angst gebrannt.

Der Blick hindurch die kleinste Ritze,
mit Mörtel wird er zugeschmiert.
Zweifel und Furcht ergibt eine gute Mischung,
aus eigener Hand gemischt und angerührt.

Blutige Finger beim Versuch sie zu überwinden,
Tiefer Fall ins Tal der Einsamkeit hinab.
Hoffnungslos erscheint der Aufstieg,
Wird das hier vielleicht dein Grab?

Ohne Leiter, gebaut aus Zuversicht und Hoffnung,
und dem Wunsch nach mehr,
gibt es keine Zukunft,
das Leben erschein einsam, kalt und leer.

Also steh auf und bau dir deine Leiter!
Jede Sprosse steht für ein Ziel.
Nur so geht das Leben weiter.
Die Zukunft bietet doch noch so viel!

Written by Rednosed

Kommentare

 
Es wurde noch kein Kommentar geschrieben