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Der Traum der Vergessenheit

Genevieve, 30. Dezember 2003
Der Traum der Vergessenheit

Die Nacht brach an. Der Halbmond schien auf die noch trockene Erde. Dunkle Wolken zeichneten sich tief am Firmament ab und hin und wieder durchzuckte ein greller Blitz den Himmel. Kurz darauf folgte ein tiefes Donnergrollen.
Völlig erschöpft ließ ich mich auf mein Bett fallen. Ich wusste genau ich würde erneut nicht schlafen können. Jede Nacht suchte mich ein und der Selbe Traum heim und ließ nicht von mir ab. Regen prasselte auf die Erde herab und gegen mein Fenster. Es war ein trostloses aber beruhigendes Geräusch.

Ein Blitz erhellte für eine Augenblick mein Zimmer. Nur das Nötigste befand sich darin. Ein Kleiderschrank, Schreibtisch, Stuhl, Bett.
Müde legte ich meinen Kopf auf das Kissen und schob meinen rechten Arm darunter. Die Finger der linken Hand umklammerten ängstlich die kalte Steppdecke, die über meinem Körper ausgebreitet war.

Schon als kleines Mädchen hatte ich Angst vor den schrecklichen Donnergrollen. Als ich mich an meine Kindergartenzeit zurückerinnerte, merkte ich nicht wie meine Augenlider zufielen und ich in einen tiefen schlaf versetzt wurde.
Es war der selbe Traum wie jede Nacht, in diesem Monat.
Ich träumte ich wäre an einem verlassenen Strand, es wäre Abend, kurz bevor die Sonne hinterdem Horizont verschwand. Ein junger, gutaussehender Mann, bekleidet mit einer knielangen, schwarzen Badehose und aufgeknöpftem, kurzärmeligen Hawaiihemd erschien lautlos hinter mir. Ich erschrak, als er meine Schultern berührte. Es war eine zarte Liebkosung seiner weichen Hände.

Als ich mich umdrehte, sah ich in seine wunderschönen Augen, die das rot-violette Licht der untergehenden Sonne wiederspiegelten. Es schien als würde die Sonne in seinen Augen brennen. Sie wirkten allessagend und auf eine gewisse Art und Weise geheimnisvoll.
“Hallo, mein Engel”, flüsterte er.

Sein Stimmte klang verführerisch in meinen Ohren. Es war der Klang der puren Leidenschaft.
Wir sahen uns lange in die Augen bevor ich meine Stimme wiederfand und ihn begrüßte.
Sanft nahm er meine Hand und führte mich ans Wasser. Die Wellen schlugen gegen meine Knöchel. Immer im selben Rhytmus.
“Was möchtest du mir zeigen?”, fragte ich ihn und sah ihm erstaunt zu, wie er etwas aus dem sanft tosenden Meer herauszog. Ich spürte wie sich in meinem Gesicht etwas veränderte. Ich lächelte. Das tat ich nur, wenn er in meiner Nähe war.

Ein Kübel mit einer Flasche Wein flog auf uns zu. Es schwebte hoch über dem nassen Sand und als es sich über unseren Köpfen befang, senkte es sich langsam. Ich erkannte das Etikett, als er die Flasche an sich nahm und den Kübel ins Meer schleuderte. Es war ein Château Pigoudet, genau mein Geschmack. Von irgendwoher zauberte er zwei Champagnergläser herbei und reichte sie mir lächelnd. Süße, kleine Grübchen bildeten sich um seinen verführerischen Mund.
Nachdem beide Gläser gefüllt waren, beförderte er die Flasche ins Wasser. “Ab-” Ich konnte meinen Satz nicht beenden, er schnitt mir das Wort ab indem er mir einen sanften Kuss gab.
“Cheers!”, rief er und stieß sein Glas an meines. Lächelnd führte er es an seinen Mund und schlang den Inhalt herunter. Ich nippte zögernd an meinem Wein. Dabei ließ ich den süßlichen Geschmack langsam durch meinen Mund fließen. Es war ein angenehmes Gefühl, doch annähernd nicht so angenehm als ich plötzlich seine Lippen auf meinen spürte. Automatisch ließ ich das Glas fallen, als seine Hände meinen Rücken berührten und langsam höher glitten.

Er öffnete leicht seinen Mund und ich ahmte ihn nach. Plötzlich glitt seine Zunge in meinen Mund. Während seine Zunge meine kennenlernte und mit ihr spielte, vergaß ich alles um mich herum. Es war wie ein leichter Stromschlag, der mein Herz fast zum Stillstand brachte und es raste wieder nachdem seine starken Arme mich an seinen Körper zogen, mich in seiner Umarmung festhielten und nicht loslassen wollten.

Ich schlang meine Arme um seinen Hals und schmiegte meinen Körper an seinen. Er drückte fester zu, es tat fast weh, doch der Schmerz war nicht da.

Seine Hände schlossen sich um meine Taille. Ich erwiderte seinen Kuss und meine Hand verfing sich in seinem dichten, dunkel-braunem Haar.
Der Wind hatte zugelegt, es wurde kühler je tiefer die Sonne sank. Ich merkte wie eine brennende Hitze sich in meinem Körper ausbreitete und mir gleichzeitig die Kehle zuschnürte.

Ich spürte seinen heißen Atem an meinen Wangen, während seine Küsse immer wilder und leidenschaftlicher wurden.
“Ich liebe dich”, presste er keuchend heraus und vergrub sein Gesicht in meinem Hals. Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust und ich stöhnte leise, ohne es wirklich gewollt zu haben.
Sanfte, leise Musik ertönte in meinen Ohren. Sein Hand legte sich auf meine Wange, streichelte sie während seine sinnlichen Lippen meine Schulter küssten.

Mein Körper schrie vor Leidenschaft, nach Liebe. Ich wusste, dass er der Richtige für mich war. Ich wusste, dass ich mein Leben mit ihm verbringen wollte. Mit ihm, oder mit niemandem. Es wurde unerträglich ihn in meiner Nähe zu haben, doch noch unerträglicher war ihn nicht in meiner Nähe zu haben. Dort wo meine Arme schwebten, dort hatte er wenige Augenblicke zuvor noch gestanden. Und nun war er wie vom Erdboden verschluckt. In diesem Moment merkte ich wie kühl es geworden war. Die Sonne war untergegangen und es war dunkel.

Ein ohrenbetäubendes Donnergrollen weckte mich aus meinem Schlaf. Der Sturm hatte die Fenster aufgestoßen und die weißen Gardinen drangen in die Schwärze vor. Regen prasselte auf den Laminatboden. Ich erhob mich aus meinem Bett und fror sofort an meinem ganzen Körper. Zitternd und mit nassen Füßen erreichte ich das Fenster gegenüber meinem Bett und versuchte es gegen den starken Wind zu schließen. Als ich vollkommen durchnässt war und der Wind endlich nachgelassen hatte, ließ das Fenster sich erst schließen.

Auf dem Boden erkannte ich schwach einen silbrig glänzenden Gegenstand. Er müsste von der Fensterbank gefallen sein. Von der Straßenlaterne drang genug Licht herein um erkennen zu können was vor mir auf dem Boden lag.

Ich kniete mich nieder, etwas bohrte sich in meine Knie, doch der Schmerz blieb aus. Zitternd hob ich den Gegenstand in meine Augenhöhe. In dem Moment, in dem ich erkannte was ich in den Händen hielt, zerbrach mein Herz auf's Neue und heiße Tränen liefen meine Wangen hinab.
Ich brach auf die Seite zusammen, ein Glassplitter bohrte sich in meine Hüfte, der Schmerz drang aus der Ferne zu mir durch, doch ich nahm ihn nicht wahr. Nicht zu vergleichen mit dem Schmerz, den ich in meiner Seele verspürte. Den silbrig glänzenden Gegenstand drückte ich ganz fest an meine Brust und schnitt mir dabei die Haut auf.

Es war ein kaputter Bilderrahmen, mit versilberter Rahmung, auf der Waldemar und Nicole eingraviert war. Ein Teil des Rahmens in Form eines Herzes war abgebrochen und das Glas war zersprungen. Auf dem Foto befand sich ein Paar. Beide lächelten in die Kamera. Der junge Mann trug eine knielange, schwarze Badehose und ein kurzärmeliges, aufgeknöpftes Hawaiihemd. Hinter ihnen ging die Sonne unter und tauchte das Wasser und den Himmel in rot-violette Töne, die Klarheit über die Gefühle der beiden zueinander gebracht hatten. Das war der letzte Abend, an dem ich ihn lebend gesehen hatte. Er wurde in der darauffolgenden Tag von einem Taschendieb erstochen worden. Seit diesem Ereignis ist eine Weile vergangen und doch lassen mich die Schuldgefühle an seinem Tod nicht los. Er wurde ermordet als er nach Hause zurückkehrte mit einem Geschenk an sie. Ein Verlobungsring.

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4.04. 2003 (Abgeändert 1.10. 2003)

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