Geschichte![]()
Seltsame niedere Gründe zogen mich hinaus in die Kälte, um meiner stets wiederkehrenden Melancholie Herr zu werden. Meine tiefe Gefühlslage erlaubte es mir, mit größter Sorgfalt sämtliche Eindrücke, und waren sie noch so winzig, genauestens aufzunehmen. Ein kleiner Vogel, der verzweifelt im Schnee nach Futter suchte, ein leichter Wind, der die vertrockneten Äste eines alten Baumes bewegte; selbst den Weg einer schweren Wolke verfolgte ich mit schwermütigem Interesse. Und genau hier, da man zwischen Schlaf und Leblosigkeit kaum noch unterscheiden kann, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Mein Leben hatte mir das schwierigste aller Rätsel zur Herausforderung gestellt: die erfüllte Liebe. Viele Tage konnte ich ohne Sorgen verleben, doch genau das war mir unheimlich geworden. Nie hatte ich daran geglaubt, in eine Situation zu geraten, in der vor Harmonie und Gefühl kein Platz für Schwermut, Reue und Selbstzweifel sei. War sie bei mir, fühlte ich mich stark, geborgen, ja fast unantastbar. Ihre Hingabe hätte nicht aus tieferem Herzen kommen können. Es war die größte aller Erfüllungen, wenn sie leise atmend an meiner Brust lag und unser blindes Vertrauen uns zwang, die Augen zu schließen. Jede Berührung war wie eine Absolution, jeder Blick wie ein neues Omen des Glücks. Ihr gutes Wesen und eben diese grenzenlose Hingabe aber waren es, die meiner Melancholie neuen Boden gewährten. Es begann damit, dass ich eines Tages zweifelte, ihr all das wiedergeben zu können, was sie mir gab. Ihre Lieblichkeit war von höchster Natur, mit der mein Geist kaum mithalten konnte. Gegen ihre sanfte Art erschien mein Verhalten wie eine Todsünde. Schließlich glaubte ich nicht mehr die Kraft zu haben, ihrer Liebe gerecht zu werden. Sie hatte doch so viel mehr verdient als meine primitiven Bemühungen der Verehrung. Mit der Zeit entpuppte sich mein Wohlbefinden in ihrer Nähe nur als Schatten ihrer Anwesenheit. Mein Selbstbewusstsein lag in ihren Händen, sie trug es auch bei sich, wenn ich nicht bei ihr war. Doch wusste die Arme nicht um ihre Bedeutung, hatte ich es mir doch geschworen, sie von meinen Seelenqualen fernzuhalten. Wie sie genoss ich noch jeden Moment, der mir mit ihr gegönnt war, doch versank ich damit immer tiefer im Sumpf meiner Selbstzweifel. Meine einsamen Nächte wurden mehr und mehr zu einer Tortur, zu einem Kampf, aus dem ich nicht mehr als Sieger hätte hervorgehen können. Mein Wahnsinn trieb mich soweit, mein Verbleiben völlig zu ignorieren und fortan nur noch den Weg zu ihrem Seelenfrieden zu suchen. Auf dem Boden meiner Ängste schließlich konnte ich ihren Anblick nicht mehr ertragen. Ihre Hingabe schien mir ein blinder Wahn zu sein, dessen Bedeutung sie missverstand. Wieso begab sie sich in meine niedere Schattenwelt hinab, wo sie doch eines Höheren berufen war? Und doch hatte ich Angst, von meiner großen Liebe verlassen zu werden. Da ihre Zukunft aber das Ziel meiner Bemühungen sein sollte, versuchte ich meine Angst zu umgehen und sie zu erlösen: Ich verließ sie. Doch auch seitdem verfolge ich jeden ihrer Schritte in Stille mit Reue. So habe ich ihr doch weder Erlösung noch Befreiung, sondern nur tiefe Trauer gebracht, weil ich versäumt habe, sie zu verstehen und an meinen Ängsten Teil haben zu lassen. Ihre Tränen sollen mich in alle Ewigkeit daran erinnern, was ich meinem Traum angetan habe. Mein ewiges Leben ließ mir die Flügel wachsen, mit denen ich über ihr wache, Tag und Nacht. Ich bin ihr ständiger Begleiter und habe es mir zu Aufgabe gemacht, jedes Leiden von ihr fernzuhalten und sie aus der Dunkelheit zu führen. Die einzige Qual aber, die ich ihr auch mit stärkstem Willen nicht mehr nehmen kann, ist das, was ich ihr zugefügt habe: Dass ich nicht mehr bei ihr bin. |
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