Geschichte![]()
Plötzlich blieb er stehen. „Geht es dir immer noch nicht besser?“, fragte sie, als er wieder das Gesicht verzog. Er verneinte und hielt sich die Hand vor den Mund. Schon seit zwei Tagen hatte er Beschwerden in der Magengegend. Er wusste nicht, welche Krankheit ihn plagte, dennoch wollte er nicht auf das Wochenende mit ihr verzichten. „Wir haben es gleich geschafft. Wenn wir oben sind, kannst du dich ja ein wenig ausruhen. Vielleicht legen sich dann die Schmerzen.“ . Langsam gingen sie weiter. Als sie oben angekommen vor der Hütte standen, lies er seine Tasche auf den Boden fallen und starrte wie hypnotisiert auf das kleine Holzhaus. Es hatte eine beunruhigende Wirkung auf ihn. Der Herbst hatte bunte Blätter auf das Dach gelegt, die Tür war mit einem dicken verrosteten Schloss versehen und die Fensterläden klapperten im Wind. Er schien in Gedanken versunken zu sein und starrte ins Nichts. „Ist alles in Ordnung?“ Sie sah ihn besorgt an. Ohne seinen Blick von diesem Nichts abzuwenden sagte er: “Es geht schon, geh nur schon rein.“ Als sich sein Blick gelöst hatte und er Richtung Tür ging, sah er einen Raben, der an ihm vorüberflog und sich auf einer Tanne niederließ. Der Vogel schien ihn zu beobachten. Einen Moment lang dachte er, jemanden in den Augen des Raben erkannt zu haben. Plötzlich überlief ihn ein kalter Schauer. Er hielt es für angebracht, in die Hütte zu gehen und sich ein wenig hinzulegen. Nachdem sie einen romantischen Abend mit Rotwein und Kerzenlicht verbracht hatten, überkam ihn die Lust nach einem Spaziergang. Auch sie wollte noch vor der Nachtruhe die frische Waldluft genießen. Sie zogen ihre Mäntel an und gingen nach draußen. Doch sie kamen nicht weit. Nach ein paar Schritten blieb er stehen. Der Mond schien durch die Tannen hindurch auf die Blockhütte. Wieder starrte er. Er starrte auf den vollen Mond, er starrte ins Nichts. Irritiert sah sie ihn an. Sie war besorgt, doch er merkte es nicht. Sanft legte sie ihren Arm von hinten über seine Schultern; ihr war ganz merkwürdig zumute. Sie umschlang ihn immer fester, sie lehnte ihr Gesicht an seine Rücken. Er schien es nicht zu merken, er bewegte sich kaum. Sie hörte neben einer in der Ferne rufenden Eule nur sein stilles Atmen. Es kribbelte unangenehm in ihr. Langsam löste sie sich von ihm und wollte sich schlafen legen. In der Tür blieb sie stehen; er stand noch immer unverändert da. Eine Träne lief über ihre Backe. Ob er das gleiche dachte und fühlte wie sie? Als er sich zur Ruhe legte, schlief sie schon. Leise legte er sich neben sie. Ihm war unwohl zumute. Zwei Stunden lag er mit offenen Augen da und starrte gegen die hölzerne Decke. Kurz schloss er die Augen. In diesem Moment veränderte sich etwas in ihm. Doch er konnte es noch nicht zuordnen. Er weinte. Er wusste nicht weshalb. Aus Freude? Aus Trauer? Er wusste es nicht. Langsam stand er auf; er wollte sie nicht wecken. An der Tür blickte er zurück. Wie friedlich sie auf dem Bett lag, fast engelsgleich. Ihr blondes Haar lag sanft auf der Decke und das hellblaue Nachthemd verlieh ihr einen Hauch von Unschuld und Frieden. Doch auch dieser Anblick war ihm unheimlich. Leise schlich er sich nach draußen. Er stand vor der Hütte und starrte abermals auf den Mond, dessen Licht nur stellenweise durch die Tannen brach. Noch mit Tränen in den Augen wurde ihm bewusst, wie sehr er sie begehrte. Er wusste, dass er sie nie verlassen würde. Wie zerbrechlich er doch ohne sie war! Dann flog plötzlich wieder der Rabe vorbei, den er schon bei der Ankunft gesehen hatte. Der Rabe setzte sich auf die gleiche Tanne wie auch schon zuvor. Etwas Bedrohliches ging von dem Raben aus. Er ließ sich auf ein Blickgefecht mit ihm ein. Keiner von beiden wollte den Blick zuerst lösen. Nach wenigen Minuten hartem Gedankenkampf gab der Rabe schließlich auf und setzte sich auf einer anderen Tanne nieder; er schien ein boshaftes Lächeln auf den Lippen zu haben. Ihm war es zu unbehaglich, so ging er ein paar Schritte weiter, bis er aus der Sicht des unheimlichen Raben verschwunden war. Noch mal dachte er über das Gefühl von Veränderung nach. Hatte der Rabe etwas damit zu tun? Er wusste es nicht. Nachdem er eine Zeit lang einfach nur dagestanden hatte, wurde ihm einiges klar. Der Rabe hatte etwas mit der Veränderung zu tun, oder war er doch nur Ablenkung? Für einen Moment schlang sich völlige Stille um ihn – er brach schluchzend in Tränen aus. Schnell rannte er zurück in die Hütte. Mittlerweile dämmerte es schon gen Morgen. Als er vor ihrem Bett stand, blieb ihm das Herz stehen. Für kurze Momente schien er nicht mehr zu leben, seine schlimmsten Albträume waren Realität geworden. War der Rabe an allem Schuld? Das blaue Nachthemd lag auf ihrem Bett und dort, wo ihre blonden Haare auf der Decke gelegen hatten, blieb nur ein goldener Schimmer zurück: Sie war verschwunden. Vor lauter Unbegreifbarkeit weinte er nicht mehr, er verstand nicht mehr, was um ihn herum passierte, seine Gedanken waren vernebelt. Schreiend vor Schmerz zerschlug er alles ihm Greifbare an der Wand, das Bett warf er um. Voller Wut und Pein blickte er um sich. Er war kein Mensch mehr, er fühlte nichts mehr, alles Leben war in seinen Augen zerstört. Er lief auf das Fenster zu. Mit aller Kraft zerschlug er es mit bloßer Hand, bis das Blut an seinen Armen herunterrann. Plötzlich brach er weinend zusammen. Er schrie sein ganzes Leid heraus. Langsam richtete er sich auf und ließ seinen Blick voller Gleichgültigkeit durch das Fenster über Bäume gleiten. Der Boden war völlig von Nebel verdeckt, die Stämme waren zum größten Teil verschleiert. Aus diesem Nebel erschien mit einem Male der Rabe wieder. Mit langsamen Bewegungen flog er dem Sonnenaufgang entgegen. Er jedoch sah die Sonne nicht mehr. Das zurückgebliebene Glitzern ihres Haares war das letzte Licht, was er sah. Sein letzter langer Gedanke war, ob es wirklich der Rabe war, der ihn verließ. |
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