Gedichte2000.de - Die Gedichte-Homepage

Geschichte

 
Zurück Zur Übersicht Weiter

Abgeschieden

Sentient, 08. Januar 2004
Ein leichter Hauch von Glück lag in der Luft, als er sich auf der Bank niedersetzte, die im Schatten der Mauer vor der brennenden Sonne geschützt lag. Mit gefalteten Händen saß er da in seinem schwarzen Anzug, den er immer zu Kirchenbesuchen trug. Doch heute, sagte er sich, würde er ihn zum letzten Mal tragen. Eigentlich sei er ihn leid. Trotzdem verstehe er nicht, warum die vorrübergehenden Menschen seinen schönen Anzug nicht beachten.
Er genoß seinen Schattenplatz, der auf einem kleinen Wiesenstück gelegen von mildem Grasduft umgeben war. Er verspürte eine innere Ruhe. Langsam schloß er die Augen und begann zu träumen. Er träumte von der Vergangenheit, wie sie ihn einholte. Plötzlich schreckte er auf, sah sich unruhig um. Doch da war nichts. Nur die vielen Menschen, die ihn zu ignorieren schienen. Doch gerade dieses Nichts schien ihn zu beängstigen. Er lehnte sich zurück und klammerte sich mit schweißnassen Händen an die hölzerne Bank. Sein Herz schlug jetzt deutlich schneller. Warum sollte er sich vor diesem Nichts fürchten? Er dachte sich, wenn da nichts sei, könne ihn auch nichts verletzen. So versuchte er sich auf andere Gedanken zu bringen und lauschte den Vögeln, die auf den Bäumen hinter ihm zwitscherten.
Eine halbe Stunde verging und die Menschenmenge löste sich langsam auf. Nach wenigen Minuten verließ auch das letzte Paar das Gelände. Und doch, quälte es ihn, muß es dafür einen Grund gegeben haben.
Sein Gesicht sah mit einem Mal sehr nachdenklich aus. Er blickte in eine Scheinleere, die sich vor ihm auftat. All die Bäume und Blumen, all die Steine bemerkte er nicht mehr, das Zwitschern der Vögel, dem er eben noch gelauscht hatte, hörte er nicht mehr. Das Gelände war jetzt völlig menschenleer.
Eine Träne lief über seine Wange. Die Einsamkeit und Hilflosigkeit riefen in ihm einen Schwermut hervor, der ein grausames Kribbeln in seinem tiefsten Inneren provozierte. Sein Mund begann zu zittern, seine rotunterlaufenen Augen wurden glasiger und sein Blick senkte sich auf den steinernen Weg vor ihm. Er horchte - kein Geräusch zu hören. Er brach in Tränen aus und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Er schrie verzweifelt um Hilfe. Keine Reaktion. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, das seine Eltern verloren hatte.
Erst jetzt bemerkte er die ebenfalls schwarzgekleidete Frau, die sich zu ihm auf die Bank gesetzt hatte. Sie nahm ein weißes Tuch aus ihrer Tasche und wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht. Er hörte aus Unsicherheit auf zu weinen. Sie hatte ein bleiches Gesicht, aus dem ein Lächeln herrausschien. Ihr Haar war lang und schwarz, es schimmerte in der Sonne.
Nachdem er sich gefangen hatte, stand sie auf. Sie ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um sich umzudrehen. Sie streckte ihm demonstrativ die Hand entgegen. Jetzt glaubte er sie erkannt zu haben und nahm ihre Hand. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, führte sie ihn von der Bank fort. Mit dem Gefühl von Glück, das er hatte, als er sich auf der Bank niederließ, folgte er ihr. Er war nun bereit, diese Gegend zu verlassen, diesen Lebensabschnitt zu beenden. Noch einmal blieb er stehen, schaute zurück. Zum letzten Mal sah er das Grab, es war ihm nun verständlich. Er ging weiter, ohne zu bemerken, dass die Bank, auf der eben noch gesessen hatte, genau wie die Bäume mit den singenden Vögeln, die er wieder hörte, unter ihm lag.
Die Sonne, die ihn blendete, war das Letzte, was er sah.

Kommentare

 
Es wurde noch kein Kommentar geschrieben
 
 
Impressum | Datenschutz | Regeln | © 1998 - 2012 by Markus Foitzik