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Ajugen für die kleinen Wunder -Teil 3

, 27. Mai 2006
„Glaubst Du, ich war immer, was ich jetzt bin? Es gab auch ein anderes Leben, aber ich darf nicht mehr enthüllen. Kannst Du nicht verstehen, daß ich Angst habe? Umso mehr, da der Zorn nicht nur mich alleine treffen würde. Und darum schweige ich - um Euch zu schützen!"
Nachdenklich sah ich sie an. Von dieser Seite hatte ich das noch gar nicht betrachtet. Wenn sie es ernst meinte, war es beschämend für uns. Immer wieder sah sich Truly ängstlich um. Ich legte ihr meine Hand auf die Schulter.
„Beruhige Dich. Wir werden einen Weg zu finden, Deinen Fluch zu lösen und Thyrzas Macht zu brechen!"
Wir spazierten durch die morgendliche Stadt und genossen die wärmenden Sonnenstrahlen.

Eine Stunde später klopfte ich an die Haustür der Storchenadlers. Als wir kurz darauf beim Früh-stückstisch saßen, sprang ich ins kalte Wasser.
„Frau Storchenadler, das hier ist meine Kusine Truly. Ich habe sie vom Bahnhof abgeholt. Sie ist Waise und hätte eigentlich meiner Mutter bei der Arbeit helfen sollen. Ich weiß nicht, was jetzt werden soll!"
Frau Storchenadler lächelte besänftigend.
„Mach Dir mal keine Sorgen, Gretl! Das Haus ist so groß. Die zwei Mäuler mehr kriegen wir auch noch gestopft!"
Verschlafen stapfte Wölfchen die Treppe herunter und bremste hart ab, als er Truly am Tisch sitzen sah.
„Was tut die denn hier?"
Seine Stimme triefte vor Feindseligkeit und seine Mutter warf ihm einen tadelnden Blick zu.
„Andre! Jetzt nimm Dich bitte zusammen. Das ist Gretls Kusine und sie wird eine Weile bei uns wohnen, bis wir wissen, was mit Gretls Mutter geschehen ist!"
Wölfchen brummte vor sich hin, schien gar nicht begeistert von dem Vorschlag und verschwand nach dem Frühstück mißgelaunt wieder in seinem Zimmer.
Frau Storchenadler winkte ab.
„Der beruhigst sich schon. Ich werde ihn erst mal einkaufen schicken, dann kann er sich ab-reagieren!"

Während der Räuberjunge kurze Zeit später durch den Torbogen auf den Marktplatz hinaus trat, war Frau Storchenadler beschäftigt, Truly zu baden und zu waschen. Auch das zerzauste Haar wur-de intensiver Pflege unterzogen. Das war besonders anstrengend.
„So, das Bad war nötig. Da schwimmt ja der Dreck von Jahren! Und auch dein Kleid werden wir verschwinden lassen. Ich habe im Schrank noch ein hellgelbes gefunden. Das hat mal ei-ner Freundin von Wölfchen gehört - lang ist es her!"
Als Truly nach der Wäsche vor den Spiegel trat, versank das Mädchen in Schweigen.
„Das soll ich sein? Es ist so lange her, seitdem ich zuletzt in einen Spiegel gesehen habe. Was wird Wölfchen wohl sagen?"
Darauf war ich auch gespannt.

Eine Stunde später kehrte er zurück. Er schleppte zwei schwere Taschen. Während er mit einer Li-monade am Tisch saß, traten Truly und ich hinzu. Ihm fiel die Kinnlade herunter.
„Truly? Aber wie...?"
Triumphierend nickte ich.
„Gell? Da staunst Du?"
„Allerdings! Vielleicht war mein Urteil wirklich etwas vorschnell. Wir werden Dir helfen!"
Man sah ihm an, daß er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte. Er hielt ihr die rechte Hand hin, aber er wich ihrem Blick aus.
„Laßt uns zu Zacharias gehen. Der wird staunen!"

Ungeduldig betätigte Wölfchen nun schon zum dritten Mal den froschförmigen Türklopfer. Im Inne-ren erklang die ungehaltene Stimme des Zwerges.
„Ich komme ja schon. Nur Geduld!"
Er riß die Tür auf und funkelte uns aufgebracht an.
„Brauchst Du schon wieder Brennholz, daß Du unbedingt die Tür einschlagen willst? Oh, Ihr habt Besuch mitgebracht? Ich hoffe, Du weißt, was Du tust, Andre’ Storchenadler?"
Beschwichtigend winkte der Räuberjunge ab.
„Natürlich. Sie ist kein Menschenkind! Hast Du Zeit?"
Der Zwerg nickte.
„Der Tag ist noch jung!"
Wölfchen nickte und grinste mit einem Seitenblick auf seinen Freund.
„Der schon!"
Wir stiegen die schmale Wendeltreppe empor und erreichten wiederum Zacharias Wohnstube.
Kurze Zeit später setzte Zacharias uns warme Milch und Kekse vor.
„So, laßt es Euch schmecken! Und jetzt erzählt! Was gibt es Neues?"
Stück für Stück berichteten wir ihm all die Neuigkeiten und sein Gesicht schien immer noch länger zu werden.
„Tannenblitz und Wildscheinfeder! Das ist alles recht verzwickt und gefährlich! Aber ich wür-de zu gerne wissen, wer Du bist!"
Schweigen. Truly schluckte.
„Ich darf es Euch nicht sagen. Ich habe dieses Leben so satt - immer auf der Flucht. Warum ich? Ich war so glücklich damals. Und jetzt? Seit sieben Jahren führte ich diese Art von Le-ben!"
„Liebes Kind! Beruhige Dich doch. Ich werde versuchen, einen Weg zu finden!"
Truly verbarg ihr Gesicht in den Händen.
„Aber wer soll mir denn helfen? Ihr könnt es also nicht. Wer dann?"
Zacharias strich seinen langen Bart glatt.
„Vielleicht gibt es jemanden, aber sie ist weit weg - hinter den Sieben Bergen. Sie könnte hel-fen - oder sie weiß, wer helfen könnte!"
Truly sprang auf die Beine.
„Wie komme ich zu ihr? Laßt uns sofort aufbrechen!"
Der Zwerg schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Hast Du sieben Jahre gewartet, kommt es auf einige Ta-ge auch nicht an. Es ist ein sehr weiter Weg und zu Fuß nur sehr langsam zu schaffen. Einen Tag werden wir unterwegs sein, bis wir die Sieben Berge erreichen. Und bis zu ihrem Haus - hoffentlich finde ich das haus wieder. Es ist schon lange her, daß ich sie zuletzt besucht habe!"
„Wer ist das eigentlich, die mir helfen kann?"
„Gremeruna, die Waldfrau! Was machen wir bloß? Der Weg ist so weit! Was wir bräuchten, wäre ein Pferd. Und einen Wagen!"
Plötzlich stieß Truly einen Schrei aus.
„Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Gretl, komm mit!"

Wir ließen den verdutzten Zwerg und Wölfchen zurück. Kurze Zeit später standen wir in Wölfchens Spielzimmer.
„Sag mal, Gretl. Habt Ihr im Keller nicht ein altes Buch gefunden?"
Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, wo er das hingeräumt hat!"
Wir durchsuchten beide Zimmer und fanden das Buch endlich unter Wölfchens Matratze. Truly öff-nete das verstaubte Buch und blätterte es durch. Sie suchte anscheinend etwas. Irgendwann hielt sie plötzlich inne und deutete auf eine Seite.
„Da ist es!"
Ich beugte mich über das Buch und sah eine merkwürdige Schrift, die ich nicht entziffern und verste-hen konnte.
„Wie soll man das lesen können?"
Truly grinste triumphierend.
„Das ist eine magische Geheimschrift."
Dann las sie einige Worte laut vor.
„Suque muem - mutrom ingil - snamina sutecaf - ut muem aibrebus!"
Ich konnte nicht glauben, was dann geschah. Zweifelnd starrte ich Truly an.

Das Schaukelpferd war lebendig geworden!
„Warst Du das?"
Sie nickte stolz.
„Darf ich vorstellen? Das ist Nikolaus. Nikolaus, das ist Gretl! Sie wird mir helfen, mich aus Thyrzas Macht zu befreien!"
Das Pferd sah mich an und senkte den Kopf.
„Freut mich!"
Sprachlos starrte ich Truly an.
„Es spricht?"
Truly nickte.
„Gretl, Du mußt Dich daran gewöhnen - hier ist manches anders als Du es aus dem Men-schenreich gewöhnt bist! Aber jetzt laß uns zu Zacharias gehen. Es wird höchste Zeit!"
„Höchste Zeit wofür?"
„Warte es ab!"
Zusammen mit dem Pferd stiegen wir die Treppe hinab. Zum Glück schien Frau Storchenadler nichts davon zu bemerken. Ich weiß nicht, wie ich ihr die Situation hätte erklären sollen. Als wir aus dem haus traten, schaute Truly zum Himmel und fuhr erschrocken zusammen.
„Gretl! Der Himmel ist tiefschwarz! Mir schwant nichts Gutes! Schnell, schnapp Dir Wölfchens Leiterwagen und dann nichts wie rüber zu Zacharias Haus! Ich glaube nicht, daß dies ein normales Gewitter ist!"
Ich schluckte.
„Thyrza?"
Truly nickte unheilverkündend.
„Ich fürchte ja."
Plötzlich merkten wir, daß uns Charly aus dem Haus nachgelaufen war. Ich streichelte ihn hastig und konzentrierte mich dann wieder auf meine neue Freundin. Während wir die Gasse durchquerten, zuckten schon die ersten Blitze, krachte schon der erste Donner. Als wir die Haustür des Zwerges erreichten, befanden wir uns schon mitten im schönsten Gewittersturm. Ängstlich wieherte Nikolaus und Truly streichelte ihm tröstend und beruhigend die Nüstern. Truly betätigte den Türklopfer mit aller Gewalt und ich fürchtete schon, sie würde die Tür einschlagen. Endlich öffnete Wölfchen die Tür. Hastig schlug Truly die Tür zu und schob sämtliche Riegel vor. Wölfchen starrte sie völlig ver-ständnislos an.
„Was ist denn los um Himmels Willen? Wir dachten schon, das Haus stürzt ein - so wie Du gegen die Tür gehämmert hast! Ein Wunder, daß die Tür noch in den Angeln hängt. Spinnt Ihr jetzt total? Was habt Ihr noch alles mitgeschleift? Charly, meinen Leiterwagen und das - es lebt!"
Truly nickte völlig selbstverständlich.
„Natürlich! Es spricht sogar!"
Wölfchen fuhr sich durch die Haare.
„Aber was willst Du mit dem Pferd hier?"
Truly verdrehte die Augen.
„Das wirst Du schon sehen. Hilf mir lieber, es die Treppe hoch zu schaffen."
Wölfchen machte einen Satz rückwärts.
„Du willst - was? Zacharias wird mich in ein Eichhörnchen verwandeln, wenn ich das zulas-se!"
Truly hob flehentlich die Hände gen Himmel.
„Auch egal. Aber erst hilf uns!"

Mühselig schoben wir Nikolaus die schmale Wendeltreppe empor und erreichten endlich Zacharias Wohnstube. Der gaffte uns nur schweigend an. Minuten vergingen, bis er endlich den Mund auf-brachte.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Habt Ihr den Verstand verloren? Was soll ich in meiner kleinen Stube mit einem Pferd nun einem Leiterwagen?"
Truly runzelte die Stirn.
„Du sagtest doch, wir bräuchten Pferd und Wagen!"
„Aber doch nicht hier! Wir brauchen es für die Reise zu den Sieben Bergen! Warum habt Ihr es nicht vor der Tür gelassen?"
Truly warf einen besorgten Blick hinaus zur Wendeltreppe.
„Weil draußen ein ganz besonderes Unwetter herrscht - vermutlich Thyrza!"
Zacharias zog an seiner Pfeife und stieß eine große Qualmwolke aus.
„Dann müssen wir die Reise verschieben!"
Truly schüttelte den Kopf mit einem triumphierten Gesichtsausdruck.
„Nein Zacharias! Ich habe eine bessere Idee!"
Verächtlich schüttelte der Zwerg den Kopf.
„Du Naseweis! Willst Du einen alten Zwerg belehren? Wie willst Du denn sonst in die Sieben Berge gelangen?"
Truly streckte einen Zeigefinger in die Höhe.
„Durch den Palast der tausend Türen!"

Gebannt lastete der Blick des Zwerges auf ihr.
„Daran habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht. Die einzelnen Türen sind doch längst vergessen, zerstört, zugeschüttet, zugemauert oder überwuchert. Außerdem sind die Türen unsichtbar und der Zugang zum Palast ist seit ewigen Zeiten in Vergessenheit geraten! Höchstens vielleicht noch in alten Büchern aufgeschrieben."
Truly schlug mit der Faust in die Luft.
„Genau - in alten Büchern wie diesem hier - das Buch Egima von Mencara!"
Sie klatschte das alte Buch auf den Tisch. Die Tassen schepperten und eine gewaltige Staubwolke stieg auf. Zacharias starrte ungläubig auf das Buch.
„Das Buch ist Egima? Und es ist im Keller gewesen? Nicht auszudenken, wenn Thyrza es in die Finger bekommen hätte!"
Truly blätterte aufgeregt in dem alten Buch.
„Mencara war meine Patentante. Wo steht nur dieser Spruch? Ah hier!
Atrop nepo - Rodo nis - septanis montem matihe!"

Ich blickte mich aufmerksam um.
„Also ich weiß ja nicht, was der Spruch bewirken sollte, Truly. Aber ich sehe nichts. Der Trick scheint nicht geklappt zu haben!"
Truly schien enttäuscht.
„Das kann nicht sein. Das verstehe ich nicht!"
Zacharias schüttelte den Kopf.
„Hört doch auf zu gackern! Hört Ihr denn nichts, Kinder? Spürt Ihr denn nichts? Ich höre es ganz deutlich!"


Weg ohne Ziel

„Wovon sprichst Du, Zacharias?"
„Seid mal still und lauscht. Es scheint aus meiner Rumpelkammer zu kommen. Hört Ihr es denn nicht?"
Vorsichtig schritt der Zwerg auf die Tür zu und riß sie auf. Er leuchtete hinein. Deutlich erkannten wir an der hinteren Wand eine mittelgroße Tür.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Jetzt wohne ich schon so viele Jahre hier. Aber diese Tür sehe ich zum ersten Mal!"
Er durchquerte den Raum, öffnete die Tür und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Ein kühler Wind wehte uns entgegen und wir hörten das Rauschen des Waldes. Staunend betrachteten wir das Bild, das sich uns bot. Durch die offenstehende Tür blickten wir mitten ins Schattenspiel des Waldes.
Farne und niedrige Sträucher bedeckten den Boden und verschwammen im Hintergrund zu einer grünen Fläche. Mächtig ragten die Bäume vor uns azf wie ein gewaltiges Heer von Riesen. So weit unsere Augen blicken konnten, waren wir nur von grünen Giganten umgeben. Dicht vor uns warf die Sonne durch eine Schneise ein Bündel ihrer Strahlen hinab. Vielleicht, um uns willkommen zu heißen? Es war angenehm schattig und kühl hier zwischen den Bäumen. Vögel zwitscherten durcheinander. Hier rätschte ein Eichelhäher, dort rief ein Kuckuck. Spechte trommelten ihre Konzerte in den Wald hinein und Eichhörnchen huschten an den Stämmen entlang. Wir gingen einige Schritte vorwärts, während Truly schon voraus eilte. Bald lag eine Lichtung vor uns, auf welcher sich einige Wege kreuzten - und im Zentrum der Wegkreuzung stand ein großer, alter Wegweiser.

„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Meine geliebten Sieben Berge! Riecht Ihr den Duft der Fichten und Kiefern?"
Truly und Wölfchen spannten das Schaukelpferd vor den Leiterwagen, führten Nikolaus durch die Tür und setzten sich in den Leiterwagen. Charly sprang auf und rollte sich neben Wölfchen zusam-men.
Schon spürte ich den weichen Waldboden unter meinen Füßen, spürte wie das Bodendickicht an meinen Beinen entlang strich und hörte das Zwitschern der Vögel über meinem Kopf. Wir gingen weiter. Als ich plötzlich das Zuschlagen der Tür vernahm, wandte ich mich um und erblickte eine dunkle Höhe im Erdreich. Ungläubig wanderte mein Blick zu Zacharias, der nur bestätigend nickte.
„Ja, mein Kind. Für diesen Moment wurde diese Höhle zum Eingang in den Palast der tausend Tü-ren."
„In welche Richtung müssen wir eigentlich gehen?"
Zacharias hob die Schultern und stapfte auf den alten Wegweiser zu. Er reckte sich und versuchte, etwas zu entziffern.
„Ich weiß nicht genau. Der Wegweiser ist viel zu verwittert. Wir müssen uns eben vorwärts schlagen, bis wir jemanden treffen, den wir nach dem Weg fragen können. Laßt uns zuerst immer nur gerade aus gehen!"

Langsam durchquerten wir den gewaltigen Wald. Ständig boten sich uns neue Eindrücke. Einmal erblickten wir ein Rudel Rehe an einer Quelle, ein anderes Mal beobachteten wir spielende Fuchs-welpen.
„Da vorne ist ein riesiger Teppich aus Buschwindröschen!"
Schweigend schritten wir weiter und bestaunten die zahlreichen Wunder der Natur.
„Wann kommen wir endlich aus diesem Wald heraus? Ich kann bald nicht mehr!"
„Gretl! Sei doch nicht so ungeduldig! Ich glaube, Du hast keine Vorstellung von der Größe dieses reiches und den Entfernungen, die hier zu überbrücken sind!"
„Ich bin eben müde, habe heute nacht wenig geschlafen. Lebt hier überhaupt jemand? Ich habe noch niemanden gesehen!"
Zacharias nickte.
„Sicher! Hier sind überall Wesen, die uns beobachten, aber sie sind viel zu scheu und zeigen sich nur selten!"
Wir setzten den Weg fort. Nach drei langen Stunden erreichten wir einen Wasserfall. Von hier an veränderte sich der Wald auf seltsame Weise. Die Farne waren gewichen und machten mannshohen Orchideen Platz. Es waren gefleckte und ein wenig beunruhigend aussehende, riesige Blüten. Lang-sam wurde es dunkel und allmählich brach die Nacht herein. Uns war überhaupt nicht wohl beim Gedanken, die Nacht im Freien verbringen zu müssen. Wölfchen und ich hatten Moos zusammen getragen und daraus ein weiches Lager für uns bereitet. Die Luft war warm und von einem eigentüm-lichen Duft erfüllt, der den Orchideen entströmte und nicht sehr angenehm war. Es lag etwas in ihm, das Unheil verkündete.

Tautropfen funkelten an den Blüten und Blättern der Orchideen und der Bäume in der Morgensonne, als sich unser Zug am nächsten Morgen in Bewegung setzte. Je weiter wir in den Orchideenwald eindrangen, desto unglaublichere Formen und Farben nahmen die Blüten an. Immer weiter zogen wir voran.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir durch die Bäume den Fluß im Sonnenlicht glitzern sahen. Bald lag der Fluß vor uns. Sanft fiel das Ufer ab und wir stillten unseren Durst. Das andere Ufer war weit entfernt. Wir beschlossen zu rasten. Truly nahm das Buch zu Hilfe und servierte uns ein reichliches Mahl. Während ich an einem Wurstbrot kaute, blickte ich zum anderen Ufer hinüber.
„Zacharias, was meinst Du? Wie weit wird das andere Ufer sein?"
„Ich weiß nicht genau, ich würde sagen,..."
„Genau dreizehn Wagenlängen!"
Erschrocken über die fremde, tiefe Stimme hinter uns, fuhren wir herum.
Hinter uns stand ein Mann, der völlig in Schwarz gekleidet war. Er war von schlanker Statur. Sein Gesicht mit dem schwarzen Haarschopf, der großen Nase und dem schwarzen Vollbart erinnerte mich etwas an einen Raben.
„Gestattet, daß ich mich vorstelle? Mein Name ist Karubmur, Zauberer zweiter Kategorie! Darf man erfahren, wohin des Weges?"
„Wir suchen das Haus der Waldfrau Gremeruna. Vielleicht könnt Ihr uns den genauen Weg beschreiben?"
Karubmur wirkte irritiert, faßte sich aber schnell wieder. Etwas hatte ihn beunruhigt.

„Das Haus der Waldfrau? Ein Stück weiter den Fluß hinauf, dann gelangt Ihr zu einem Gast-haus. Dort müßt Ihr Euch von der Fähre übersetzen lassen und seid nicht mehr weit. Ich wer-de Euch einen Teil des Weges begleiten. Was führt Euch denn zu ihr?"
„Sagen wir, wir benötigen einen Rat. Ich bin Zacharias und für diese jungen Dinger verant-wortlich! Wie weit ist es denn noch bis zu diesem Gasthaus?"
„Bei schnellem Schritt so an die vier Stunden!"
„Nun, dann laßt uns aufbrechen!"
Während des Weges gesellte sich Truly zu unserem Weggenossen und schien sich prächtig mit ihm zu verstehen. Wölfchen wurde immer ungehaltener. Irgendwie behagte mir die Gegenwart des Frem-den nicht. Er war mir unheimlich und auch Wölfchen schien zu spüren, daß er ein dunkles Geheimnis zu wahren schien. Endlich erreichten wir das Gasthaus „Zum Nixenloch". Es war ein kleineres Haus mit Fachwerk. Auch ein kleiner Pferdestall gehörte zum Anwesen. Zacharias zögerte beim Anblick des Hauses.
„Kinder, irgendwie behagt mir dieses Haus nicht. Ich wäre dafür, daß wir uns übersetzen las-sen und weiter marschieren. Wenn es wirklich nicht mehr weit bis zu Gremeruna ist, schaffen wir das heute noch!"
Wir waren einverstanden und ließen uns übersetzen.

Am anderen Ufer traten wir an Land. Nur ein schmaler Grasstreifen säumte das Ufer, ehe wieder der Wald mit seinem lichten Dunkel begann. Gretl stieß Zacharias an.
„Gibt es denn hier nur Wald?"
Zacharias schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Natürlich nicht. Es gibt auch Gebirge, Auen, weite Strände, Moore, Wüsten - aber das sind andere Regionen. Das Reich ist groß und dementspre-chend auch die einzelnen Gebiete!"
Wir fanden einen breiten Weg und durchquerten die Wälder, deren Tiefe unergründlich schien.
Endlos zogen die Stunden voran und noch immer befanden wir uns im Wald. Noch immer begleitete uns auch dieser merkwürdige Zauberer. Hatte er nicht von einem Teil des Weges geredet? Er lief uns nach wie ein Hund. Allmählich kroch die Dämmerung über den Himmel. Die Grillen zitpten und in der Nähe hörten wir das unheimliche Krächzen von Raben. Wir stoppten.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Es ist schon sehr spät und wir sind noch immer nicht am Ziel. Ich werde uns ein Feuer zaubern, dann können wir uns wärmen."
Schon hatte uns der Zwerg ein munteres Feuer gezaubert. Wir setzten uns alle zusammen davor. Müde lehnte Wölfchen seinen Kopf an den Rücken des Pferdes. Wir waren so müde vom langen Wandern. Dank seiner Zauberkräfte zauberte Zacharias uns einen Berg Stroh, den wir unter den schützenden, dichten Zweigen einer Tanne ausbreiteten und uns hinein legten. Ich kuschelte mich eng an Wölfchen und Truly legte sich neben das Pferd. Bald schliefen wir tief und fest.

ödliche Wasser

Als Wölfchen aufwachte, kroch die Sonne gerade über den Horizont. Die Luft war noch kühl und über dem Waldboden tanzten zarte Nebelschleier. Sein Blick fiel neben sich und er schmunzelte, weil ich mich eng an ihn gekuschelt hatte. Zacharias lag ausgestreckt im Stroh - seinen Mantel als Decke benutzend. Neben dem Zwerg lag das Schaukelpferd und atmete tief. Der Räuberjunge hob den Kopf und äugte über den Rücken des Pferdes - nichts.
Eine seltsame Unruhe erfaßte ihn und er sprang auf, verließ den schützenden Bereich der Tannen-zweige und stapfte hinaus ins taufrische Gras. Steif von der kühlen Nacht reckte und streckte er sich erst einmal. Immer wieder glitt sein suchender Blick über die Umgebung. Aber er konnte Truly nir-gends finden - und auch diesen merkwürdigen Zauberer nicht. Hastig stürzte Wölfchen zurück ins Stroh und rüttelte den Zwerg wach.
„Zacharias! Zacharias! Truly ist fort! Wir müssen sie finden!"

Der Zwerg schreckte auf.
„Was ist los?"
Es dauerte einige Minuten, bis Zacharias bei vollem Bewußtsein war.
„Was sagst Du? Dieses Mädchen ist weg?"
„Ja. Wir müssen sie finden! Vielleicht ist sie in Gefahr!"
„Moment mal! Erstens wissen wir nicht, ob sie in Gefahr ist!"
Der Räuberjunge winkte ab.
„Ich bin mir ganz sicher. Dieser seltsame Zauberer fehlt auch. Wir müssen sie suchen!"
Zacharias schüttelte den Kopf.
„Wie stellst Du Dir das vor? Das Reich ist riesig? Wir haben nur die Möglichkeit, Gremeruna zu finden! Vielleicht kann sie uns weiterhelfen. Wenn nicht, müssen wir in die Alte Gasse zu-rück kehren!"
Ungläubig starrte Wölfchen seinen Freund an.
„Und sie hier zurück lassen? Sie ist vielleicht in Gefahr und wir müssen ihr helfen!"
Zacharias blieb hartnäckig.
„So begreife doch endlich - wir haben nicht die geringste Chance! Wir müssen sie als verloren betrachten - so leid mir das auch tut! Sie hat sich da selbst hinein geritten. Das Reich ist end-los. Wie sollen wir sie da finden?"
Das leuchtete Wölfchen ein, obwohl er sich immer noch dagegen sträubte. Wir alle wußten, daß es unmöglich war, Truly jemals wieder einzuholen oder zu finden!

Inzwischen waren wir wieder unterwegs. Welchen Weg mußten wir wählen? Wir waren ratlos und hofften, jemanden zu treffen, der uns weiter helfen konnte. Aber die einzigen Wesen, die wir trafen, waren die Tiere des Waldes. Der Wald schien unergründlich tief zu sein. Wir hatten keine Ahnung - liefen wir immer tiefer in den Wald hinein oder näherten wir uns allmählich dem Waldrand? Die frem-den, seltsam anmutenden Rufe der Waldvögel ließen mich erschauern. Ich hatte Angst.
Ärgerlich schüttelte Zacharias den Kopf.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Ich werde das Gefühl nicht los, daß dieser Zauberer uns absichtlich in die Irre geführt hat und das Ganze ein abgekartetes Spiel war!"
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, da erkannten wir in einiger Entfernung vor uns den Wald-rand - oder auch nur eine der unzähligen Lichtungen. Langsam schritten wir näher. Was würden wir dort vor finden?

Vor uns erstreckte sich eine mittelgroße Lichtung und mitten darauf erhob sich majestätisch und ehr-würdig eine gewaltige, knorrige, uralte und moosbewachsene Eiche. Eine Schar Raben saß in ihrem Wipfel. Langsam traten wir aus dem Wald hinaus auf die Lichtung. Plötzlich hörten wir eine Explosi-on und gleich darauf das Bersten von Stein. Fast im selben Moment ertönte ein jämmerlicher Schrei, der unheimlich die Stille zerfetzte. Die Raben flogen erschrocken auf und verschwanden in der Ferne.
„Zacharias! Was war das? Es klang entsetzlich?"
„Ich weiß es nicht, Gretl! Aber es schien ganz in der Nähe zu sein! Ich glaube, aus dieser Rich-tung! Folgt mir!"
Eilig schritt der Zwerg voran und führte uns zielsicher vorwärts, bis er plötzlich ruckartig stehen blieb. Auch wir verfielen in ehrfürchtiges Schweigen. Was wir nun erblickten, war so gewaltig, daß es uns den Atem verschlug. Nur wenige Meter vor uns fiel die Erde steil ab. Wir standen am Rande eines gefährlichen, tiefen Steilhanges. Unüberwindbar fielen die grauen Felswände senkrecht ab. Vorsichtig schritten wir näher an den Rand des Abgrundes. Vor uns lag ein kleines Tal, das an drei Seiten vom Abhang eingeschlossen war. Uns gegenüber jedoch fiel der Hang nicht senkrecht ab, sondern bildete mehrere kleine Terrassen, so daß der gesamte Hang wie eine gigantische Treppe wirkte. Wieder hallten die Schreie umher. Sie schienen aus dem Tal herauf zu dringen. Aber woher? Suchend blick-ten wir umher, bis Zacharias leise aufschrie.

„Dort unten zappelt irgend etwas! Jemand scheint Hilfe zu brauchen!"
„Aber wir können wir dort hinab gelangen?"
Das Schreien hielt an und schien immer jämmerlicher zu werden. Zacharias deutete auf die andere Seite.
„Vielleicht finden wir dort drüben eine Möglichkeit!"
Wir umrundeten das Felsental und nach geraumer Zeit gelangten wir auf die andere Seite. Tatsächlich waren die einzelnen Stufen der Terrassen nicht durch Steilhänge sondern durch insgesamt sieben spitzwinklige Schrägen miteinander verbunden. Wir atmeten auf. Jetzt konnten wir hinab gelangen und dem bedrohten Wesen helfen. Der Abstieg war nicht ganz einfach, zumal wir auch auf das Pferd achten mußten.
„Unerhört - und das mir! Ich bin ein Pferd und keine Ziege!"
Grinsend und kopfschüttelnd gab Wölfchen dem Pferd einen Klapps.
„Reg Dich schon ab. Du kannst ja auch stehen bleiben und warten, bis Dich ein Bär frißt!"
Die Schräghänge bestanden aus aufgeschüttetem Erdreich und Steinen und man kam leicht ins Rut-schen. Aber immerhin - nach drei unendlich langen Stunden hatten wir die Sohle des Tales erreicht.
Wir durchquerten das kahle Tal bis zum Fuße des Steilhanges. In der Felswand klaffte ein großes, dunkles und tiefes Loch - vermutlich der Eingang zu einer Höhle. Einige Meter daneben stand ein wild aussehendes Männlein - kaum größer als Zacharias. Auf dem Kopf trug es eine zerknautschte, hohe Kappe, unter der schwarzes Haar zum Vorschein kam. Die Augen des Gesellen musterten uns zornig und erregt. Jetzt sahen wir auch die Ursache für die Aufregung des Männchens. Sein dunkler, langer Vollbart klemmte unter einem mannshohen Felsbrocken, der herab gestürzt war. Auf der an-deren Seite des Felsbrockens stand ein silberner Käfig, in dem ein Falke aufgeregt hin und hertrip-pelte. Als er uns sah, schien er noch lebendiger zu werden und hieb mit seinem Schnabel wie wild auf die Gitterstäbe ein.

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