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Geschichte
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Augen für die kleinen Wunder -Teil 4
, 27. Mai 2006
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„Dumme Gänse! Was steht Ihr da und glotzt? Seht Ihr nicht, daß mein Bart eingeklemmt ist?"
Verärgert verdrehte Wölfchen die Augen.
„Jetzt mal halblang, Rumpelstilzchen! Wir kommen ja schon!"
Eilig schritten wir auf den Felsen zu, aber soviel wir uns auch bemühten, der Felsen bewegte sich keinen Fingerbreit.
„Seid Ihr ebenso schwach wie dumm? So tut doch etwas!"
Ich schüttelte den Kopf.
„Du bist aber ein unfreundlicher Kerl!"
„Pah! Soll ich etwa lachen in dieser Situation? Daß mir aber auch das passieren muß!"
„Was ist denn eigentlich geschehen?"
„Dumme Gans! Mußt Du so neugierig sein? Ich wollte den Eingang zu meiner höhle ver-schließen und habe einen Stein heraus sprengen wollen. Er verfehlte aber sein Ziel. Als ich ausweichen wollte, stolperte ich über den vermaledeiten Käfig und ehe ich mich versah, klemmte mir der Fels den Bart ein!"
Ich ergriff den Bart und versuchte ihn mit aller Gewalt unter dem Stein hervor zu ziehen!
„Au! Alle haarigen Spinnen der Tiefe! Verfluchte dumme Gans! Du reißt mir den Bart aus!"
„Tannenblitz und Wildschweinfeder!"
Wölfchen und ich rissen die Köpfe herum und starrten hinüber zu Zacharias.
„Jetzt begreife ich, was er vorhatte! Um den Käfig ist ein Kreis aus kleinen Steinen gelegt!"
Der andere Zwerg wurde unruhig.
„So helft mir doch endlich! Mein Rücken schmerzt und Ihr haltet Maulaffenfeil!"
Zacharias kniff die Augen zusammen und stolzierte auf den Schwarzhaarigen zu.
„Sage uns erst, wie wir zu Gremeruna gelangen können!"
„Ich weiß nicht, wo die alte Hexe wohnt!"
Zacharias zuckte mit den Schultern.
„Tja, dann müssen wir weiter und den Weg suchen!"
Ungläubig riß der seltsame Genosse die Augen auf.
„So wartet doch! Ihr geht dieses Tal entlang, bis Ihr den Fluß erreicht. Stromaufwärts führt eine Brücke hinüber. Auf der anderen Seite geht Ihr den Weg entlang und biegt in den ersten Weg rechts ein. Dann gelangt Ihr genau zu ihrer Lichtung! Aber nun helft mir endlich!"
Wölfchen nickte.
„Gleich! Erst noch eines!"
Der Räuberjunge schritt auf den Käfig zu.
„Alle haarigen Spinnen der Tiefe! Wage es nicht! Du hast kein Recht...."
Zu spät!
Wölfchen war schon am Käfig angelangt und hatte die Käfigtür geöffnet. Der Falke stieß ein kurzes Pfeifen aus und schlüpfte aus seinem Gefängnis, um gleich loszuflattern und sich in die Lüfte zu erhe-ben. Er umkreiste uns drei mal und verschwand dann in der Ferne.
„Alle haarigen Spinnen der Tiefe! Sie wird mich... Mögen alle Wanzen und Spinnen über Dich kommen und alle Kobolde Dir jedes Haar einzeln ausreißen!"
Abermals versuchten wir, den kleinen Mann zu befreien. Aber es nützte nichts. Wölfchen zuckte mit den Schultern.
„Dann haben wir keine andere Wahl!"
Er holte aus seiner Hosentasche ein Taschenmesser, klappte es auf und bückte sich hinab. Unter den ungläubigen Blicken des Männleins schnitt er mit einer hastigen Bewegung den Bart dicht hinter dem Felsen ab.
„Bei allen haarigen Spinnen der Tiefe! Mögen Dir sämtliche Spinnen im Schlaf auflauern. Mein bestes Stück hast Du verunziert! Sieh nur, wie ich ausschaue! Das wirst Du mir büßen und wenn ich Dich bis ans Ende aller Zeiten suchen müßte!"
Wütend schreiend verschwand er in der Höhle und noch lange vernahmen wir seine zornige Stimme. Als er endlich fort war, fröstelte ich. Wir wandten uns um und eilten durch das Tal. Nach einer wei-teren Stunde gelangten wir an den Fluß, den das Männlein beschrieben hatte. Zacharias schimpfte laut vor sich hin.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Dann hat uns dieser merkwürdige Zauberer doch ge-täuscht! Wir hätten den Fluß gar nicht überqueren müssen!"
Nach einer Weile erreichten wir auch die Brücke. Wir wollten sie gerade betreten, als plötzlich ein jämmerlicher Schrei ertönte und im selben Moment riß mich Wölfchen nach hinten.
Ich brauchte einige Minuten, bis ich verstand. Vor unseren Augen hatte sich die Brücke in Luft auf-gelöst und Wölfchen hatte mich in allerletzter Sekunde vor einem Sturz bewahrt. Nur wenige Hand-breit vor mir stürzte die Uferböschung steil ab. Unter uns brausten die wilden Wogen des Flusses. Wäre ich dort hinab gestürzt, hätte mir niemand mehr helfen können. Strudel und Stromschnellen hätten mich verschlungen oder mit sich gerissen. Plötzlich ertönte laut und schadenfroh ein heiseres Lachen. Erschrocken wandten wir den Kopf.
Vom Ast einer großen Erle blickte der jämmerliche Erdkobold herab.
„Ich wollte auf keinen Fall versäumen, Euch für die großartige Hilfe zu danken!"
Dann verwandelte er sich in eine Nebelkrähe und flog davon. Ängstlich und unsicher blickte ich Zacharias nun an. Was würde werden? Wie sollten wir ans andere Ufer gelangen?
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Jetzt beruhigt Euch! Wir werden schon einen Weg finden! Laßt uns weiter stromaufwärts gehen, vielleicht finden wir eine andere Brücke."
Gedankenverloren starrte ich auf das Wasser. Plötzlich sah ich unsere brennende Wohnung vor mir und schrie. Wölfchen packte mich an den Schultern und schüttelte mich. Dann nahm er mich schüt-zend in die Arme und hielt mich ganz fest.
„Gretl! Es ist vorbei! Beruhige Dich!"
Plötzlich hörten wir aus nächster Nähe die ängstlichen Rufe eines Vogels. Schlagartig hatte ich meine trüben Gedanken vergessen und stürzte den Rufen nach. Sie kamen aus dem Wald und ich bahnte mir einen Weg durch das Dickicht des lichten Waldes. Zacharias und Wölfchen folgten mir. Nach wenigen Metern erblickten wir eine kleine Lichtung. Aus einem niedrigem Abhang entsprang spru-dend eine Quelle mit klarem Wasser. Sie bildete einen kleinen Tümpel, ehe sie ihren Weg weiter durch den Wald bahnte. Und noch etwas sahen wir.
Am Rande der Quelle zappelte ein ängstlicher Vogel in einem Netz. Und dicht daneben stand dieser jämmerliche Zwerg! Es schien wieder ein Falke zu sein. Ob es der gleiche wie vorhin war? Verges-sen war meine Trauer und Wut stieg in mir auf. Schreiend sprang ich auf den Gnom zu.
„Du elender Giftzwerg! Laß den Vogel in Ruhe! Wir hätten Dich unter dem felsen lassen sollen, bis die Würmer Dich gefressen haben!"
Erschrocken riß er den Kopf hoch, als ich ihn auch schon am Hals packte.
„Du dumme Gans! Laß los! Was mischst Du Dich ein?"
Ein heftiger Kampf entbrannte zwischen mir und dem Erdkobold. Plötzlich packte der Gnom meine Haare und riß daran. Er ließ das Netz los und schlug auf mich ein. Als ich meinen Griff etwas löste, versuchte er zu fliehen. Aber sofort erhaschte ich seinen Bart. Wölfchen wollte auf mich zueilen, als ich ihn plötzlich schreien hörte.
„Gretl! Paß auf!"
Aber es war zu spät!
Die grausige Wahrheit
Wölfchen hörte nur noch ein lautes Platschen - gefolgt von einem jämmerlichen Schrei. Im selben Moment stieg schwarzer Qualm auf und ein abscheulicher Gestand verbreitete sich. Der Räuberjunge stürzte auf den Tümpel zu und packte mich am Arm. Hustend und prustend richtete ich mich auf und stieg aus dem Wasser.
„Was ist geschehen?"
„Du hast Dich mit dem Kerl gebalgt und dann seid Ihr beide ins Wasser gefallen. Wo ist der Zwerg eigentlich?"
Ich blickte mich um, während das Wasser an mir herunter triefte.
„Ich kann ihn nirgends finden. Vielleicht hat er sich wieder verwandelt!"
„Er hat sich in der Tat verwandelt."
Erschrocken über die fremde Stimme wandten wir uns um. Wölfchen erstarrte und wurde bleich.
„Das ist doch nicht möglich!..........Folgwang! Aber ich denke,......ich dachte,..... Du..Du bist doch tot! Zacharias, was hat das zu bedeuten? Verstehst Du das?"
Der Zwerg schüttelte den Kopf.
„Nein. Wieso warst Du ein Falke?"
Blitzartig riß Wölfchen den Kopf herum und starrte Zacharias mit zusammen gekniffenen Augen an.
„Zacharias! Wußtest Du, daß .... daß er nicht tot ist?"
Der Zwerg nickte stumm. Der Räuberjunge sprang auf und Funken schienen aus seinen Augen zu sprühen.
„Verdammt noch mal! Warum habt Ihr dieses Spiel mit mir gespielt? Ich habe Dich geliebt wie einen großen Bruder, Dir vertraut! Und Du komischer Gartenzwerg spielst die Komödie mit! Habt Ihr eigentlich auch nur einen winzigen Moment an mich gedacht?"
„Wölfchen, laß Dir doch erklären!"
Wölfchen machte einen Satz rückwärts.
„Nein! Ich will nicht, hörst Du? Ihr habt dieses Spiel ausgeheckt und ich soll mich nun mit abfinden? Da spiele ich nicht mit!"
Mit Tränen in den Augen wandte er sich um und rannte in den Wald hinein. Ich eilte ihm nach.
„Wölfchen! Warte doch!"
„Was willst Du? Laß mich in Ruhe!"
„Wölfchen! Gut, Du hast ihn geliebt! Hast Du auch nur einmal daran gedacht, daß er es viel-leicht aus dem selben Grunde gemacht hat? Hör ihn erst einmal an! Es wird alles gut wer-den!"
Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte, zu lächeln. Nach einer halben Stunde kehrten wir zusammen zu Folgwang und Zacharias zurück. Erst jetzt bemerkte ich, wie attraktiv Folgwang war. Sein schwarzes, kurzes Haar schimmerte geheimnisvoll und sein Gesicht verzauberte einen. Seine wohlgeformten, glatten Hände ergriffen Wölfchens Hand und hielten sie fest.
„Ich werde Dir alles erklären, wenn wir bei Gremeruna sind. Es ist nicht mehr weit!"
„Wo ist eigentlich dieser Erdkobold hin? Heckt er schon wieder einen neuen Hinterhalt aus?"
„Das wird er nie wieder. Er hat sich verwandelt - in den stinkenden Qualm! Das hier ist die Quelle Rawelque - eine der Quellen der Wahrheit! Dem, der in dieser Quelle badet, wird alles Schlechte entzogen. Und da Erdkobolde bekanntlich nur daraus bestehen, löste er sich buch-stäblich ins Nichts auf!"
In diesem Moment fiel mir plötzlich das Glas aus dem Keller von Folgwangs Haus ein. Ich hatte es eingesteckt. Eine Vorahnung veranlaßte mich, das Glas mit Wasser aus der Quelle zu füllen. Erst jetzt bemerkte ich, daß ich fror. Wölfchen holte eine Decke vom Leiterwagen und hüllte mich ein. Folgwang sah uns nachdenklich an.
„Was treibt Euch eigentlich hierher?"
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Das ist eine lange und verzwickte Geschichte. Bei Gre-meruna werde ich Dir alles erzählen!"
Plötzlich ergriff mich ein entsetzlicher Gedanke.
„Aber Zacharias - wir können doch gar nicht - die Brücke!"
Zacharias klopfte mir auf die Schulter.
„Nur Geduld, kleines Fräulein. Der Tod des Erdkobolds machte alle seine Schandtaten unge-schehen. Auch diese!"
Nach einer Weile erreichten wir die Brücke und schritten langsam darüber. Ängstlich schielte ich hinunter ins Wasser. So ganz traute ich dem Frieden nicht. Zu groß war die Angst, sie könnte sich wieder ins Nichts auflösen. Bald hatten wir den Fluß überquert und standen wieder im Schatten von alten Bäumen.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Bei allen Sieben Bergen! Wie lange war ich schon nicht mehr hier? Diese Gegend kommt mir so vertraut vor! Wie oft hatte ich Gremeruna früher besucht! Gleich muß der Weg kommen, der zu ihrer Lichtung führt! Richtig - da ist er schon!"
Wölfchen schmunzelte.
„Jetzt ist der alte Knabe wieder in seinem Element. Den bremst jetzt keiner mehr!"
Wir bogen in den weg ein und marschierten vorwärts. Schon nach kurzer Strecke erreichten wir eine große Lichtung. Mitten darauf erhob sich majestätisch eine gewaltige Linde. Direkt im Schutz ihrer riesigen, weitausladenden Krone erhob sich ein Häuschen. Es wirkte blitzsauber und schien uns zu-zuwinken. Gerne traten wir näher. Niemand war zu sehen. Neugierig blickte ich umher und schritt auf das Häuschen zu. Eine alte Frau trat aus dem Haus. Sie war gekleidet wie eine Bauersfrau - mit Kopftuch und einem schlichten, grünen Kleid. Ihre Augen blitzten auf, als sie meine Begleitung sah.
„Folgwang! Ich habe Dich schon lange vermißt. Wo bist Du gewesen?"
Er winkte ab.
„Gremeruna, das ist eine lange Geschichte. Ich bin hungrig und durstig. Hast Du etwas für uns?"
„Natürlich. Und wer sind Deine Begleiter? Moment mal - bist Du nicht Nippes?"
Zacharias schluckte und starrte zu Boden. Dann nickte er.
„Und wer sind die beiden Kinder?"
Zacharias schien froh, das Thema wechseln zu können.
„Das hier ist der Sohn von Räuberhauptmann Storchenadler!"
Ihre Augen leuchteten auf.
„Du bist der Sohn von Wolf? Aus kleinen Kindern werden Leute. Stimmt, Morgana hat mir berichtet, daß Ihr jetzt alle in der alten Gasse lebt. Leider komme ich nur selten nach Hamulo! Wohnt das junge Fräulein auch dort?"
Zacharias schüttelte den Kopf.
„Nein. Gretl verirrte sich an Heiligabend in die Alte Gasse!"
Gremeruna hob den Kopf.
„An Heiligabend? Nur alle sieben Jahre Kind in die Gasse find! Was treibt Euch hierher?"
Zacharias atmete tief durch und deutete auf Nikolaus.
„Das ist eine lange Geschichte. Gretl und Wölfchen fanden zufällig im Keller ...."
Folgwang riß den Kopf herum.
„Andre! Du bist mir eine Erklärung schuldig! Ihr wart im Haus, nicht wahr? Zacharias! Wie konntest Du das zulassen? Habe ich Dir nicht deutlich erklärt, daß..."
Zacharias fuchtelte aufgeregt mit den Händen in der Luft.
„Folgwang, glaube mir. Ich wußte nichts davon. Und als ich es erfuhr, war es zu spät!"
„Dann regiert sie also wieder und alles war umsonst?"
Die alte Frau stöhnte auf.
„Könnt Ihr Euch nicht etwas deutlicher ausdrücken?"
„Ist sie Euch etwa hierher gefolgt?"
Zacharias grinste hinterlistig.
„Nein, Folgwang. Sie wartet wahrscheinlich noch immer vor meinem Haus!"
Plötzlich wurde Folgwangs Gesicht todernst.
„Zacharias! Wo ist es - das Buch aus dem Keller!"
Zacharias wurde nervös.
„Als wir aufbrachen, war noch ein anderes Mädchen bei uns. Sie verschwand auf der Reise hierher - und mit ihr das Buch!"
Folgwang griff sich an den Hals.
„Zacharias! Wenn sie es in die Finger bekommt - es ist das Ende! Wir müssen das Buch haben - wo immer es sein mag!"
Der Zwerg schüttelte den Kopf.
„Das dürfte schwierig werden! Wie wissen nicht, wo das Mädchen ist!"
Gremeruna schüttelte den Kopf.
„Bei allen Brennesseln! Laßt uns drinnen alles in Ruhe besprechen!"
Wir folgten ihr ins Haus. Das Haus schien nur aus zwei Zimmern zu bestehen - einem Schlafzimmer und einer Wohnküche. In der Ecke der Wohnküche stand ein altes Sofa, daneben ein wackeliger Küchentisch mit drei Stühlen. An der Wand stand ein dunkler, alter Schrank, auf dem sich einige Bücher türmten. In der Ecke stand ein zylinderförmiger Ofen auf drei Beinen. Die Waldfrau schritt auf ihn zu und tippte an den Kessel, der darauf stand.
„Foireu! Tee für uns alle!"
Während wir anschließend bei Tee und Gebäck beieinander saßen, berichteten Zacharias und Wölfchen abwechselnd alle Ereignisse seit meinem Eintreffen in der Alten Gasse. Folgwang wurde während den Berichten immer blasser und rutschte beunruhigt auf seinem Stuhl hin und her.
„Aber Ihr habt mir nicht gesagt, wie der Name des Mädchens ist!"
Wölfchen zuckte mit den Schultern.
„Ihren echten Namen kennen wir nicht. Wir nennen sie Truly, aber sie trägt den Namen Hulle-trulle!"
Erschrocken machte Folgwang einen großen Schritt rückwärts und schien plötzlich zu erstarren. Auch Gremeruna schien plötzlich sehr nachdenklich.
„Bei allen Brennesseln! Das ist in der Tat eine sehr brenzlige Sache! Ich hoffe, Euch ist klar, daß Ihr Euch auf ein sehr brenzliges Pflaster begeben habt! Eure Chance ist winzig klein! Es wird ein harter Kampf werden und keiner von uns kann Euch dabei helfen!"
Der Räuberjunge kniff die Augen zusammen.
„Ihr seid feige. Ihr kneift, was?"
Gremeruna riß den Kopf hoch und sah ihn mit ernster Miene an.
„Bei allen Brennesseln! Auch wenn Du Wolfs Sohn bist - noch so einen Kommentar und ich verwandele Dich in eine Eidechse! Wir können Dir nicht helfen, weil wir Träger einer Macht sind. Und diese Macht sendet eine Aura aus. Jeder andere Träger dieser Macht würde unsere An-wesenheit sofort bemerken. Deshalb müßt Ihr alleine gehen!"
Nachdenklich nickte Wölfchen.
„Folgwang, wenn Du den Keller vor Thyrzas Blicken verborgen hast, was weißt Du über Truly? Wenn ich es richtig interpretiere, ist sie die Verkörperung der Puppe, oder?"
Folgwangs Blick schweifte von Zacharias zu Gremeruna, dann nickte er schwerfällig.
Spuren in die Dunkelheit
„Weißt Du, Wölfchen. Die Geschichte ist lang. Sie beginnt im Schloß des Fürsten Dietrich von Walldürn. Seine Tochter hieß Lilofee Carmina."
Erschrocken sprang ich auf und stieß einen unterdrückten Schrei aus.
„Lilofee? Als ich damals im Keller war - bevor wir die verborgene Tür fanden - fiel mir plötz-lich dieses alte Kinderlied von Lilofee und dem Wassermann ein! Ich sang es leise vor mich hin, weil ich mich alleine im Dunkeln fürchtete!"
Folgwangs Miene wirkte düster.
„Das erklärt natürlich einiges. Dadurch hast Du Thyrzas Interesse geweckt. Sie mußte denken, Du seist informiert - und damit eine Gefahr für sie. Nun sind ihre Angriffe gegen Dich verständ-lich! Damals lebte in einem kleinem Tal der Wassermann Rüderig Zackenschluck. Er war nichts Besonderes, auch nicht besonders ehrgeizig, gab sich damit zufrieden über drei Bäche zu herrschen. Rüderig verliebte sich in Carmina und wollte sie unbedingt freien. Doch Lilofee weigerte sich. Rüderig verschwand - leicht zerknirscht. Die Zeit verging, ein Jahr verstrich. Dietrich von Walldürn vernehm nichts mehr von Rüderig Zackenschluck, weil der inzwischen Thyrza gefreit sich in ihre Heimat begeben hatte - dem oberen Elasa-Tal im Bereich der Burg von Bodenlauben und der gleichnamigen Stadt. Aber er konnte Carmina nicht vergessen. Ein Jahr später kehrte er erneut zurück. Er verwandelte sich in einen galanten, wohlhabenden Edelmann und machte dem König seine Aufwartung. Dietrich von Walldürn war nicht abge-neigt und stellte dem Edelmann seine Tochter vor. Carmina aber kam gerade von der An-dacht aus der Schloßkapelle und die Macht ihres silbernen Rosenkranzes brach den Bann und entttarnte Zackenschluck. Zornentbrannt kehrte Zackenschluck zurück.
Im folgenden Frühjahr schwollen der Eiderbach, der Eichelbach und besonders der Marsbach extrem an. Sie überschwemmten die Stadt, Dörfer und Felder. Es gab ein furchtbares Hoch-wasser wie schon lange nicht mehr. Immer höher stiegen die Fluten. Schon drei Dutzend See-len hatte Rüderig geraubt und schließlich erreichten die zerstörerischen Wellen auch die Burg des Fürsten. Dietrich von Walldürn war verzweifelt, als er sein Land leiden sah und war bereit alles Menschenmögliche zu tun, um weiteres Elend von seinem Land abzulenken. Wiederum erschien Zackenschluck auf der Burg und stellte den Fürsten vor die Wahl - entweder er be-käme Lilofee oder er würde das Land in einen gewaltigen See verwandeln. Schweren Herzens und kummervoll ging der Fürst darauf ein und stimmte zu. Drei Tage später ging das Hoch-wasser zurück und nach sieben Tagen war der Verlauf des Baches wieder in sein ursprüngli-ches Bett zurück gekehrt. Rüderig brachte Lilofee nach Bodenlauben. Thyrza war ahnungslos und hielt Lilofee für eine neue Magd. Rüderig versuchte immer wieder, Lilofee zu betören, aber Thyrza wußte das zu unterbinden. Einmal unternahm Thyrza eine längere Reise und Zak-kenschluck witterte seine Chance. Inzwischen hatte Carmina seine Schwäche entdeckt - Al-genschnaps und Seerosenlikör. Sie setzte diese Waffen ein und machte den Wassermann be-trunken. Als er seinen Rausch ausschlief, flüchtete sie. Zuerst zu ihrer Tante Mencara, einer Zauberin. Ihr entwendete Lilofee das magische Buch Egima und versuchte, sich zur Burg ihres Vaters durchzuschlagen. Aber Thyrza war ihr auf der Spur. Lilofee suchte Unterschlupf und fand sie in der Alten Gasse unter dem Namen - Carmen!"
Wölfchen sprang schreiend auf.
„Das ist doch nicht möglich!"
Ich legte meinen Arm um den völlig verstörten Jungen und beruhigte ihn. Verständlicherweise brachte ihn diese Offenbarung durcheinander. Folgwang wartete, bis sich der Räuberjunge beruhigt hatte und erzählte dann weiter.
„An Heiligabend gelangte sie in die Alte Gasse. Dann kam jener Tag, an dem Du und ich ab-wesend waren. Thyrza spürte Lilofee auf und wütete furchtbar. Das Mädchen flüchtete in je-nen Keller. Sie war gerade dabei, Carmen heraus zu zerren, als sie von mir überrascht wurde. Im letzten Moment gelang es ihr jedoch, das Mädchen in diese Puppe zu verwandeln. Das jedoch entzog sich meiner Aufmerksamkeit. Ich entdeckte nur die Puppe, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Verstehst Du? Ich kam nach Hause, spürte Thyrzas Aura und hetzte in den Keller. Ich bemerkte nur Carmens Abwesenheit und dachte, daß ich bereits zu spät gekommen sei. Ich machte mich auf den Weg in Thyrzas Palast, aber ich unterlag. Thyrza wußte nun, daß sie einen Feind mehr hatte - einen Gegner, den sie vernichten mußte, wollte sie nicht geschlagen werden. Sie attackierte mich einige Male, bis mir klar wurde, daß es nur eine Lösung gab. Ich mußte untertauchen und das konnte ich nirgends besser als hier im Inne-ren Reich! Ich hatte keine Ahnung von der wahren Identität der Puppe, aber ahnte, daß es irgendeine Bedeutung haben würde. Darum verbarg ich sie und das Buch in jener Kammer, von der Thyrza nichts wußte. Da ich keine Verwendung für die Kammer hatte, hatte ich das Holz davor gestapelt. Thyrza hatte also von der Existenz dieser Kammer keine Ahnung. Ich täuschte meinen Tod vor und verschwand aus der Gasse. Irgendwann wurde Thyrza zugetra-gen, daß ich noch am Leben sei. Inzwischen waren Jahre vergangen. Wahrscheinlich vermute-te sie, ich wäre im Glauben, sie hätte die Begebenheit vergessen. Darum muß sie wohl immer wieder in der Gasse aufgetaucht sein. Vermutlich auch an jenem Tag, als Ihr ins Haus einge-drungen seid. Den Rest der Geschichte kennt Ihr ja!"
Wölfchen nickte, aber Zacharias schüttelte den Kopf.
„Nicht ganz. Wie kamst Du in die Gewalt des Erdkobolds und warum?"
Folgwang lächelte bitter.
„Das geht auch auf Thyrzas Kappe. Nur einen Tag bevor Ihr mich fandet, wurde ich im Wald von einer Horde Erdkobolde überrumpelt. In ihrer Begleitung war Karubmur - einer von Thyrzas engsten Freunden und einer meiner härtesten Gegner - schon seit Langem. Er ver-wandelte mich in einen Falken und steckte mich in den Käfig. Es war ein besonderer Käfig. Ein Bann war eingeflochten, der meine Macht schmälerte. Allerdings nicht ganz. Sonst wäre der Felsen tatsächlich auf mir gelandet und nicht auf dem Bart des Erdkoboldes. Ich vermute, daß Thyrza gerade mit Euch beschäftigt war und deswegen meine Exekution nicht selbst durchführen konnte. Und den Rest wißt Ihr ja!"
Wölfchen atmete tief durch. Die Wahrheit war brutal und er mußte erst einmal seine Gedanken ord-nen. Zacharias sorgenvoller Blick lastete auf dem Jungen.
„Gremeruna, es ist spät geworden. Morgen wollen wir weiter sehen. Wo können wir schla-fen?"
Sie wies nach oben.
„Im Obergeschoß ist ein Heuboden. Dort könnt Ihr die Nacht verbringen!"
Wir benutzten die Leiter, die an der Rückseite des Hauses ins Obergeschoß führte. Wölfchen setzte sich an eine runde Luke auf der anderen seite und blickte in den dämmrigen Himmel. Ahnungsvoll ging ich zu ihm. Er blickte sich kurz um, lenkte den Blick aber dann wieder auf den Himmel.
„Ach, Gretl! Es ist alles so sinnlos! Jetzt habe ich Carmen zum zweiten Mal verloren. Wenn ich die Wahrheit auch nur geahnt hätte. Anfangs war ich ihr gegenüber so feindselig. Vielleicht wäre sie noch hier, wenn ich nicht..."
„Wölfchen! Mach Dir keine Vorwürfe. Du wirst sehen, es wird alles gut werden!"
Tröstend legte ich den Arm um ihn und gab ihm einen sanften Kuß auf die Wange.
„Schlaf jetzt. Die nächsten Tage könnten anstrengend werden. Gute Nacht!"
Geknickt legte ich mich ins Heu und schielte zu Wölfchen hinüber. Gerne hätte ich ihm geholfen, wenn ich nur gewußt hätte, wie.
Am nächsten Morgen erwachte Wölfchen, als die ersten hellen Sonnenstrahlen durch die Luke auf ihn fielen. Er ließ die anderen schlafen und stieg hinunter. Gremeruna und Folgwang saßen bereits in der Wohnstube bei einem schlichten Frühstück mit Brot und Milch. Wölfchen setzte sich dazu, nahm einen Becher mit Milch und kaute lustlos an seinem Marmeladenbrot herum. Folgwang blickte ihn besorgt an.
„Junge, Du mußt richtig essen. Du wirst Kraft brauchen!"
„Aber ich habe keinen Hunger. Könnt Ihr das nicht verstehen?"
Folgwang nickte.
„Doch natürlich. Gremeruna hat einige Vögel ausgesandt. Wir müssen nun warten, bis sie uns Botschaft bringen!"
„Und was, wenn es bis dahin zu spät ist? Ich gehe spazieren, muß mich beruhigen!"
Als ich eine Stunde später in die Wohnstube tappte, fand ich Gremeruna, Folgwang und Zacharias vor.
„Morgen. Wo ist denn Wölfchen?"
Folgwang deutete hinaus.
„Er wollte spazieren gehen!"
Ich nickte, als mir plötzlich ein Verdacht.
„Wo steckt eigentlich Nikolaus?"
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Frag doch nicht soviel. Wahrscheinlich grast er irgendwo."
Eine unheilvolle Ahnung beschlich mich.
„Ich hoffe, Du hast Recht, Zacharias!"
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