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Geschichte
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Augen für die kleinen Wunder -Teil 5
, 27. Mai 2006
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Ich wandte mich um und verließ das Haus auf der Suche nach Wölfchen. Als ich eine halbe Stunde später zurück kehrte, lastete eine große Sorge auf mir.
„Also, sagt was Ihr wollt. Aber ich habe weder Wölfchen noch Nikolaus irgendwo gesehen. Ich fürchte, er ist bereits aufgebrochen!"
Erschrocken sprang Folgwang auf.
„Aufgebrochen? Du meinst - allein? Aber das ist doch Wahnsinn! Wir müssen sofort los! Noch können wir ihn einholen!"
Ich war verzweifelt.
„Aber wir wissen doch gar nicht, welches Ziel er anpeilt! Wo sollen wir ihn suchen?"
Beschwichtigend streckte mir Folgwang die Hände entgegen.
„Gretl, das liegt doch auf der Hand. Er vermutet Carmen bei Thyrza. Also wird er sich auf den Weg nach Bodenlauben machen. Er mag verzweifelt sein, aber er würde nie planlos han-deln. Gremeruna, wie kommen wir schnellstens nach Bodenlauben?"
„Es ist ganz einfach. Ihr überquert wieder die Brücke und folgt dem Fluß. Er führt zwischen Villonga und Machtils entlang. Dort, wo eine breite Straße über den Fluß führt, wendet Ihr Euch nach rechts und folgt der Straße - vorbei an Machtils, über einen Hügel, vorbei an Trimba mit seiner Burg und auch vorbei an Urithorpe. Dort stoßt Ihr auf den Verlauf des Flu-ßes Elasa. Ihr folgt dem Fluß stromaufwärts durch eine gewundene Waldschlucht bis der Fluß eine größere Bucht bildet. Dort befindet sich Thyrzas Palast. Es ist eigentlich ganz einfach!"
Ich nickte.
„Gut, dann werde ich es wohl finden!"
Folgwang beäugte mich besorgt.
„Was heißt, Du wirst es finden? Du glaubst doch nicht, daß ich Dich alleine ziehen lasse? Ich werde Dich zumindest begleiten, bis wir Wölfchen wieder eingeholt haben!"
Gremeruna hob die Hand.
„Moment, mein Kind! Da ist noch etwas! Ihr müßt besonders vorsichtig sein! Dieser Zacken-schluck ist keine ernste Gefahr - ein Jammerlappen und Versager! Die wirkliche Gefahr ist seine Gattin! Sie ist kalt, grausam und unberechenbar, nur auf Geld und Macht aus. Sie wird ohne Zögern jede Hürde vernichten, die sich ihr in den Weg stellt! Sollte es Euch gelingen, in den Palast vorzudringen, müßt Ihr die Schatzkammer aufsuchen! Dort befindet sich mögli-cherweise ihre Machtquelle. Aber sie kann natürlich auch an jedem anderen Ort sein! Ihre Machtquelle ist eine goldene Narzisse oder Osterglocke. Wenn Ihr diese Blume habt, vernich-tet sie. So lange Thyrza ihre Macht noch hat, seid Ihr in Gefahr! Erst wenn diese Gefahr ge-bannt ist, könnt Ihr unbesorgt nach Carmina suchen!"
Ich sog begierig all diese Fakten in mich auf.
„Befindet sich denn Thyrzas Palast noch im Märchenreich oder ist es schon das Menschen-reich? Ist er unter oder über Wasser? Wie sollen wir ihn erkennen?"
„Der Palast ist wie ein Eisberg - der größte und gefährlichste Teil befindet sich unter Wasser! Jetzt müßt Ihr aber los, Folgwang, sonst holt Ihr den Jungen gar nicht mehr ein!"
Er nickte.
„Ich weiß. Zu Fuß haben wir sowieso keine Chance. Der Junge hat Nikolaus."
Kurze Zeit später saß ich auf einem falben Pferd und Folgwang auf einem Rappen. Längst lag Gre-merunas Haus weit hinter uns. Die Strecke zog sich doch länger als ich angenommen hatte. Es däm-merte schon, als wir endlich den Klöffelsberg erreichten, der die äußerste Grenze zum Menschen-reich bildete. Vereinzelt durchschnitten die Rufe von Käuzen die abendliche Stille und mich fröstelte. Wir passierten den Eingang zu dem schmalen Tal, welches den Klöffelsberg vom Kreuzberg trennte. Bedrohlich und dunkel wirkte es auch mich und ich war froh, als wir an ihm vorüber geritten waren. Doch da wir so schnell vorbei eilten, hatten wir keine Gelegenheit, die Gestalt zu bemerken, die sich nun aus der Dunkelheit löste und uns folgte. Meter um Meter schlugen wir uns vorwärts - ohne auch nur die geringste Spur von Wölfchen zu entdecken.
Ich bangte um ihn. Konnte er schon so weit gekommen sein? Hatten wir ihn überholt, ohne es zu bemerken? Oder war ihm etwas zugestoßen? All diese Gedanken sausten mir im Kopf herum. Schon hatten wir Machtils erreicht und von Wölfchen noch immer keine Spur. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und trieben sie den flachen, langgestreckten Hügel hinauf. Die Nacht holte uns ein. Über uns ragten die finsteren Mauer der Burg von Trimba in die Nacht. Ich sah ein Flackern in den dunklen Fensteröffnungen. Es sah aus wie das Flackern einer Fackel, aber schon im nächsten Moment war es verloschen. Die Gassen des Dorfes waren wie ausgestorben. Unheimlich laut hallten die Pferdehufe durch das nächtliche Dorf. Hier und dort wurde ein Fenster geöffnet und ein ver-schlafener Bewohner sah nach den nächtlichen Störenfrieden. Aber nirgends konnten wir den Räu-berjungen erblicken.
Die letzten Häuser des Dorfes Trimba lagen hinter uns und vor uns erstreckte sich nun eine weite Ebene, an deren Ende wir das Dorf Urithorpe erahnten. Die Pferde wurden müde und Folgwang hielt eine kurze Rast für angebracht. Wir suchten einen geschützten Platz hinter einem Gestrüpp aus Schlehen, Heckenrosen und wildem Flieder auf, wo Folgwang im Nu ein flackerndes Feuer entfach-te. Einige Zeit starrten wir schweigend ins Feuer und keiner wagte, die bedrückende Stille zu been-den. Jeder dachte an die unbekannte Gefahr.
„Sag mal, Mädchen! Weißt Du denn überhaupt, wie Thyrza aussieht? Erkennst Du sie, wenn Du ihr gegenüber stehst?"
Erstarrt blickte ich ihn an und mir wurde die Ernsthaftigkeit der Lage klar. Ich hatte Thyrza noch nie gesehen. Truly alias Carmen wäre die einzige, die es könnte. Aber Truly war ja nicht hier. Wie also sollte ich sie erkennen? Wie sollte man einen Gegner bekämpfen, den man nicht kannte? Wieder herrschte die tödliche Stille, die gar nicht enden wollte. Ich war mir der Bedrohlichkeit der Aussage bewußt.
Plötzlich hörten wir schlurfende Schritte, die sich näherten. Ich sprang auf - in der Hoffnung, Wölfchen sei gekommen. Langsam trat die dunkle Gestalt näher, bis sie den Lichtschein des Feuers erreicht hatte. Noch konnte ich das Gesicht nicht erkennen.
„Wölfchen! Bist Du es? Sag doch etwas!"
„Ich habe Euch erwartet!"
Ein unheimliches Lachen hallte durch die Nacht. Die Gestalt schlug ihre Kapuze zurück und das Licht fiel auf das Gesicht einer braunhaarigen Frau. Ihr Ausdruck wirkte sehr ernst und ihre Augen mu-sterten uns interessiert.
„Ich habe Euch erwartet - und lange auf Euch gewartet! Aber nun habe ich Euch gefunden - endlich! Nun ist die Zeit der Rache gekommen - für all das, was man mir angetan hat!"
Wieder hallte das grausame Lachen durch die Nacht und es fiel uns wie Schuppen von den Augen, wer dort vor uns stand!
In der Höhle des Löwen
Ängstlich tippte ich Folgwang an.
„Was hat sie vor? Ich habe Angst!"
„Ich verstehe Dich, auch wenn Du flüsterst! Ich habe lange an diesem Plan gearbeitet und nun, da die zeit gekommen ist, werde ich mir von niemandem mehr ins Werk pfuschen las-sen!"
Angsterfüllt starrte ich sie an. War der Kampf schon zu Ende, noch bevor er begonnen hatte? Sie setzte sich zu uns und ich fröstelte. Vorsichtig wandte ich den Kopf und musterte die Alte. Ihr dunk-les Haar hing offen herab und das Gesicht wirkte ernst und verbittert, aber gleichzeitig auch irgend-wie traurig und verzweifelt. Ihre dunkle, lange Kutte wirkte fremd und unheimlich. Folgwang wandte sich ihr zu.
„Darf man erfahren, was Euer Plan ist?"
Sie lachte, aber es war kein gutes Lachen.
„Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen? Tut nicht so, als wüßtest Ihr nicht, wovon ich rede!"
„Wir haben keine Ahnung, was Ihr meint!"
Wieder dieses schaurige Lachen.
„Du bist ein schlechter Schauspieler. Mich kannst Du nicht täuschen!"
Sie änderte ihren Ton und klang nun fast zornig.
„Genug jetzt! Ich habe dieses Spiel satt. Ich habe auf Euch nicht so lange gewartet, um die Zeit mit dummen Gerede zu vergeuden. Ihr kommt jetzt mit!"
„Wohin?"
„Wohin wohl?"
„Und was, wenn wir uns weigern?"
„Das würdet Ihr tun? Einfach so dieses Mädchen im Stich lassen, daß Ihr retten wolltet?"
Ich wurde bleich.
„Woher wißt Ihr.....?"
„Ich weiß es eben!"
Ich starrte Folgwang an. Die Lage war aussichtslos. Wir saßen in der Klemme und ich sah keine Möglichkeit, ihr zu entkommen.
„Ihr solltet mir folgen. Ihr wollt doch bestimmt nicht, daß es Euch so ergeht, wie Eurer kleinen Freundin? Löscht das Feuer und laßt uns weiter reiten!"
In diesem Moment erlosch jeder Funken Hoffnung in mir. Der Kampf war verloren. Folgwang löschte das Feuer und ich stand ratlos daneben. Mir gegenüber stand dieses Weib und gaffte mich an. Dann ging alles ganz schnell.
Eine Gestalt löste sich aus dem Dunkel, raste auf die Frau zu und stieß sie zu Boden. Blitzschnell stürzte sich auch Folgwang auf sie und im Handumdrehen war sie gefesselt und geknebelt. Ein trium-phierender Ausdruck zeigte sich auf Folgwangs Miene.
„Nicht so selbstsicher, Thyrza! Hochmut kommt vor dem Fall!"
Erst jetzt bemerkte ich, wer die dunkle Gestalt gewesen war - Wölfchen!
„Wölfchen! Ich dachte, Du seiest in Gefahr!"
Er lachte.
„Das trifft ja wohl eher auf Euch zu!"
„Wo kommst Du her?"
„Ich bin versehentlich in ein Tal geritten. Die Elfenkönigin Fenlufera teilte mir meinen Irrtum mit und ich kehrte um. Als Ihr am Tal vorüber rittet, hatte ich Euch zu spät erkannt, also folg-te ich Euch. Hättet Ihr nicht zufällig gerastet, hätte ich Euch nicht mehr einholen können. Was machen wir nun mit ihr?"
Folgwang deutete mit dem Kopf auf das Weib.
„Ich werde Ihr den Knebel abnehmen, hören, was sie zu sagen hat!"
Sie keuchte nach Luft, als ihr Folgwang den Knebel abnahm.
„Bist Du des Wahnsinns? Ich hätte mir alle Knochen brechen können. Wie habt Ihr mich vor-hin genannt? Thyrza? Glaubt Ihr etwa, ich.... Ihr irrt! Ich bin auf Eurer Seite! Schaut mich nicht so ungläubig an. Ich hätte das vielleicht sofort klar stellen müssen!"
„Dann hätten wir Dir auch nicht geglaubt. Laß die Lügen, Thyrza! Und überlistest Du nicht!"
„Wenn ich wirklich Thyrza wäre - glaubt Ihr im Ernst, ich hätte viele Worte gemacht? Ein einziger Zauberspruch hätte genügt, um Euch in Staub zu verwandeln. Auch ich will Thyrzas Verderben! Aber dazu brauche ich Euch! Alleine schaffe ich es nicht!"
„Es klingt logisch, Folgwang!"
„Du bist zu leichtgläubig, Wölfchen!"
Der Räuberjunge schüttelte den Kopf.
„Oder Du zu mißtrauisch!"
Verzweifelt starrte uns die Alte an.
„Wie soll ich Euch beweisen, daß ich nicht Feind, sondern Freund bin? Ihr müßt mir glauben! Wenn Ihr mir nicht helft, muß ich wieder warten!"
„Warten worauf?"
Sie seufzte auf.
„Setzt Euch! Es wird etwas dauern, die ganze Geschichte zu erzählen! Ich bin die Schwester des Wassermannes Rüderig Zackenschluck. Wir waren einst unzertrennlich. Als er Thyrza frei-te, setzte er sich für mich ein, damit ich in seiner Nähe bleiben konnte. Ich erhielt den Posten einer Wasserfee von Urithorpe, damit ich in seiner Nähe bleiben konnte. Aber Thyrza wollte Rüderig für sich alleine haben, wollte ihn ungehindert lenken und benutzen, um Macht und Reichtum zu mehren. Aber Rüderig und ich waren unzertrennlich und sie konnte meinen Ein-fluß nicht aufhalten. Deshalb belegte sie mich mit einem Fluch. Sie verbannte mich in die Burg von Trimba, die nach Dorinas und Thurellas Erlösung leer stand. Meine Rückkehr sollte erst dann möglich werden, wenn Vögel menschliche Gestalt erhielten und ein Lied wieder erwa-chen würde. So lange sollte ich in der Gestalt eines alten Weibes herum irren. Aber diese Zeit ist nun um. Nacht für Nacht habe ich auf Euch gehofft und gewartet, seit dem mir Fenlufera die Umstände und Zeit prophezeite!"
Folgwang blieb skeptisch.
„Und das sollen wir Dir glauben? Vielleicht ist das eine Falle und Du bist Thyrza selbst oder eine ihrer Abgesandten! Warum sollten wir Dir glauben?"
„Weil ich den Weg kenne, wie Ihr unerkannt in den Palast eindringen könnt!"
Folgwang blieb vorsichtig.
„Das könnte ebenfalls zum Plan gehören! Wer garantiert uns, daß Dein Plan uns auch in den Palast führt und nicht in den Kerker?"
Sie nickte.
„Ich verstehe Eure Zweifel und Ängste. Thyrza ist eine große Gefahr - verschlagen und hin-terlistig! Aber was soll ich noch tun, um Euch zu beweisen, daß ich auf Eurer Seite stehe?"
Folgwang kniff die Augen zusammen.
„Du sagst, Du haßt Thyrza. Was muß man tun, um sie zu vernichten?"
„Man kann sie nicht vernichten - sie ist eine Unsterbliche. Aber man kann ihr die Macht neh-men! Irgendwo im Palast hat sie eine goldene Osterglocke versteckt. In der steckt die Macht dieses Weibes. Brecht die Blume und Thyrza ist ihrer Kraft beraubt!"
Ein erleichtertes Aufatmen durchfuhr Folgwangs Körper.
„In Ordnung. Jetzt glaube ich Dir. Thyrza hätte nie das Geheimnis ihrer Macht preis gegeben. Was sitzen wir also noch herum? Laßt uns aufbrechen!"
Folgwang murmelte einen Spruch und sofort stand ein weiteres Pferd neben uns, auf das sich Elsabe hinauf schwang. Wir galoppierten davon und es dauerte nicht lange und wir erreichten Urithorpe. Folgwang stoppte sein Pferd.
„Den weiteren Weg müßt Ihr alleine schaffen. Thyrza kennt mich zu gut und meine Aura könnte uns verraten. Wir müssen den beiden Kindern eine andere Gestalt geben. Thyrza kennt sie. Sie darf keinen Verdacht schöpfen!"
Er murmelte einen weiteren Spruch und ein kurzes Prickeln lief durch meinen Körper. Erschrocken sah ich Wölfchen an, der gar nicht mehr aussah wie er selbst. Er hatte braune, glatte Haare und war eher schmächtig. Nichts war mehr übrig von der schwarzhaarigen, stämmigen Gestalt. Mich selbst beschrieb Wölfchen als schwarzhaarig mit langen Zöpfen und schmalen Gesicht.
Kritisch betrachtete uns Folgwang.
„Das reicht aber noch nicht. Ihr müßt auch Euren Namen ändern. Wölfchen, Du trägst ab sofort den Namen Horst - und Gretl, Du nennst Dich Helga! In Gedanken werde ich Euch beistehen. Viel Glück, Ihr werdet es benötigen! Wölfchen, gib mir Nikolaus. Die Gefahr, daß Thyrza ihn erkennt, ist zu groß! Charly nehme ich auch mit!"
Wir sahen ihm nach, als er von dannen ritt. Obwohl wir wußten, daß wir Elsabe trauen konnten, fühlte ich mich hilflos und einsam. Nur gut, daß ich Wölfchen hatte.
Wir galoppierten weiter und trafen auf die Waldschlucht, durch welche der Fluß Elasa sich seinen Weg bahnte. Oft blickte ich ängstlich umher und versuchte, etwas zu erkennen. Aber die Wälder waren zu dunkel. Und doch war mir, als würden wir beobachtet. Nach endlos langer Zeit lag die gewundene Schlucht hinter uns. Vor uns lag nun eine ebene, gerade Strecke, welche direkt zur Stadt Bodenlauben führte. Am fernen Horizont färbte sich der Himmel allmählich heller, das Morgengrauen schien nicht mehr fern. Waren wir schon so lange unterwegs? Voller Unbehagen starrte ich auf die langsam verblassenden Sterne. Auch sie konnten mir nicht sagen, was uns noch erwarten würde.
Die lange Strecke im Rücken ritten wir eine Straße empor, an deren Ende eine große, mächtige Brücke auf uns wartete. Wir überquerten sie, während tief unter uns der Fluß Elasa floß. In ihrem wilden Rauschen erkannte ich eine Warnung, aber ich wollte sie nicht hören. Es ging schließlich um Trulys Leben. Die Brücke lag nun hinter uns und sofort wurde es kühler. Ich fror.
„Die Morgenbrise ist kühl, bald wird die Sonne aufgehen. Wie still es noch ist!"
Ein mächtiges Gebäude ragte zur Rechten der Straße auf.
„Elsabe, was ist das für ein Gebäude - Thyrzas Palast?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Nicht ihrer - es ist der Palast ihrer Familie; noch aus den Zeiten, als hier nur Unsterbliche lebten. Als sich die Menschen aber hier ausbreiteten, verließ Thyrza ihn und errichtete sich einen neuen Palast - etwas weiter weg. Diesen Palast - zumindest den bekannten, oberirdi-schen Teil benutzen die Menschen nun als Schlachthof! Aber jetzt seid leise, Thyrzas Palast ist nicht mehr weit! Steigt von den Pferden ab, sie könnten uns verraten. Wir müssen sie ver-schwinden lassen!"
Sie murmelte einen Spruch und die edlen Tiere verschwanden. Zu Fuß pirschten wir weiter. Wir bogen nach rechts ein und ritten die Straße entlang, die von Häusern flankiert wurde.
„Elsabe! Hier wohnen Menschen! Und Thyrzas Palast befindet sich mitten unter ihnen?"
Sie nickte.
„Ja, Elsabe und Rüderig führen ein Doppelleben als scheinbare Sterbliche. Das tun inzwischen viele, die sich nicht von den Menschen vertreiben lassen wollten. Was glaubt Ihr, wie sich die Menschen verhalten würden - wüßten sie von Rüderigs wahrer Identitität? Seht Ihr - dort vor-ne ist der Palast!"
Ungläubig riß ich die Augen auf.
„Das soll ein Palast sein? Das ist doch eine Gärtnerei!"
Die Sonne kroch über den Horizont und verscheuchte die letzten Schleier der Nacht. Wölfchen kaute auf seiner Unterlippe.
„Zackenschluck lebt also in einer Gärtnerei. Wie kommen wir unerkannt hinein?"
„Vielleicht braucht er Hilfskräfte!"
Während wir nun auf die Einfahrt zuhielten, sahen wir einen Mann den Hof durchschreiten. Er war schon älter, aber noch kein Greis. Sein dunkelbraunes Haar sträubte sich wild in alle Richtungen. Sein Gesicht war aufgeschwemmt und unrasiert. Er verschwand im Inneren der Gärtnerei.
„Kinder, Ihr wartet hier. Ich werde hinein gehen und sehen, was ich erreichen kann!"
Zielsicher verschwand sie im Hof, während wir unsicher warteten.
Nach einiger Zeit kehrte Elsabe zurück.
„So, das wäre geschafft. Er nimmt uns - wir haben sogar eine Wohngelegenheit dort in jenem Haus, das zwischen dem ehemaligen Palast und dem jetzigen liegt. Laßt uns erst einmal ins Haus gehen!"
Wir schritten einen Teil der Strecke zurück und fanden ein kleineres Haus in einem verwilderten Garten. Elsabe öffnete das quietschende Gartentor und führte uns hinein. Sie klingelte an der Tür und eine blechern klingende Glocke ertönte. Kurz darauf öffnete eine junge, dunkelblonde Frau.
„Guten Tag. Sind Sie Frau Kleinhenz? Mein Name ist Goßmann und das sind meine Enkel. Wir kommen gerade von der Gärtnerei und Herr Zackenschluck sagt, bei Ihnen wären Zim-mer frei!"
Die junge Frau zeigte uns die Zimmer und gab uns den Hausschlüssel. Im Zimmer nahm uns Elsabe beiseite.
„Achtet um Himmels Willen darauf, daß Ihr Euch nicht verplappert. Meine Name ist Brigitte Goßmann. Verwendet um Himmels Willen nicht meinen wahren Namen, dann ist Thyrza ge-warnt. Falls sie Euch begegnet - Ihr Name ist Frau Zackenschluck - um Himmels Willen nicht Thyrza. Und keine Eigeninitiative! Wir dürfen nichts überstürzen, sonst ist alles verloren. Morgen ist unser erster Tag. Wünscht uns viel Glück!"
*Im Netz der Spinne
Ein Heer von Gärtnern und Floristen waren in der Gärtnerei tätig und wuselten durcheinander wie das Heer in einem Ameisenhaufen - nur, daß in diesem fall eine Spinne die Königin war.
Sechs Tage verstrichen. Die Tage waren ein Greuel. Zackenschluck war launisch und egoistisch - wenn er nüchtern war. Wenn er seine Unzufriedenheit mit Algenschnaps und Seerosenlikör betäubte, war er besonders unausstehlich. Wir bekamen mit, daß er ziemliche Panik vor seiner Frau hatte. Sobald sie Kritik übte, wurde er nervös. Er hatte richtiggehend Angst, daß sie sich über etwas be-schweren könnte. Unter den ganzen Angestellten ragte einer besonders hervor. Er nannte sich Ed-win, aber Elsabe teilte uns mit, daß es sich bei ihm um Gared, einen Sumpfelf handeln würde. Edwin war Zackenschluck ergeben wie ein Hund. Zwei Dinge konnte er besonders gut - bellen und Spei-chel lecken.
Als wir am Abend des sechsten Tages in unser Zimmer zurück kehrten, sahen wir uns einer sehr ernsten Elsabe gegenüber.
„Kinder, jetzt beginnt der Ernst! Morgen früh wird Thyrza für einige Zeit verschwinden. Aber es gibt da ein kleines Problem! Der Geheimgang, den ich früher benutzt habe - es gibt ihn nicht mehr! Er begann dort, wo jetzt das Heizungsgebäude steht, aber zum Glück gibt es ja mehrere Gänge in den Palast! Der wahre Palast befindet sich unter dem Wohnhaus!"
Wölfchen sprang auf.
„Und dort ist Carmen? Wir müssen sofort zu ihr!"
Beschwichtigend redete Elsabe auf ihn ein.
„Morgen, mein Junge! Dann ist es ungefährlicher!"
Der Räuberjunge schnaufte auf.
„In Ordnung. Du sagtest, es gäbe mehrere Gänge in den Palast. Ist Dir ein anderer be-kannt?"
Elsabe setzte ein triumphierendes Lächeln auf.
„Ja, aber ich habe ihn noch nicht untersucht! Ich weiß also nicht, ob er noch unversehrt ist!"
„Aber Rüderig wird merken, wenn wir fehlen!"
Sie schüttelte den Kopf.
„Das wird er nicht. Morgen ist Sonntag. Die Situation ist günstig. Rüderig und Thyrza sind zu einer wichtigen Wasserkonferrenz geladen. Es wird ein paar Tage dauern, bis sie zurück sind. Das jedenfalls hat mir Ida - Rüderigs Haushälterin berichtet. Geht jetzt ins Bett, wir brauchen morgen alle unsere Kräfte!"
Am nächsten Morgen standen wir um sieben Uhr auf. Eilig zogen wir uns an und frühstückten. Da-nach stahlen wir uns aus dem Haus. Scheinbar zufällig führte uns der Weg auch an der Gärtnerei vorbei. Ob Rüderig und Thyrza schon aufgebrochen waren? Wir bogen in die hintere Einfahrt ein, vorbei an den Gewächshäusern und dem Heizungsgebäude. Wir ließen die Gewächshäuser hinter uns und erreichten die offenen Bettflächen. Dann schlenderten wir weiter - vorbei am Komposthaufen und hielten auf die Ecke des Geländes zu, in der eine Vielzahl von hohen Blaufichten stand.
Wir traten in deren Schatten, spürten unter unseren Füßen das weiche Moos. Nur noch gedämpft drangen Geräusche von außen in den kleinen Hain. Dicht neben einer gewaltigen Herukesstaude machte Elsabe Halt und ließ sich auf die Knie fallen, um mit beiden Händen im Boden zu graben. Wir halfen ihr und entfernten Moos und Erde, bis Wölfchen plötzlich leise aufschrie.
„Da ist etwas! Es fühlt sich an wie Stein!"
Nach weiteren Grabungen hatten wir eine große Steinplatte frei gelegt, in deren Mitte ein großer, eiserner Ring befestigt war. Elsabe murmelte einen Spruch und schon lag ein Seil vor uns.
Wir banden ein Ende am Ring fest und zusammen schafften wir es, die schwere Platte anzuheben, aufzurichten und neben den Schacht zu legen. Der Weg war frei.
Vor uns gähnte ein dunkles Loch im Boden. Kalte, modrige Luft schlug uns entgegen und uns frö-stelte. Noch zögerten wir beim Anblick des Dunklen Loches, über welchem sich dichte Spinnweben spannten. Wölfchen stieß einen kurzen Laut aus und kletterte hastig in den Schacht hinein.
„Dieser Teufelsjunge! Er kann doch nicht blindlings hinein rennen. Komm! Wir müssen ihn einholen, bevor es zu spät ist!"
Mit einem Zauberspruch beschaffte sich Elsabe eine Fackel und führte uns in die Tiefe. Nur zögernd stieg ich in das finstere Loch hinab. Schmale, ausgetretene Stufen führten uns in eine unbekannte Welt der Gefahr und Finsternis. Was würde uns erwarten?
Graue Netze von Spinnweben wehten uns entgegen wie der sichtbar gewordene Hauch des Todes. In Fetzen hingen sie von den Wänden - zerrissen, durchtrennt. Eisig fühlten sich die Wände an und immer tiefer führten uns die Stufen - hinab in eine Welt, aus der es keine Wiederkehr zu geben schien. Ich fror. Wir hatten nun die letzten Stufen erreicht. Lauschend schlichen wir auf den Stein-platten vorwärts, doch nur Totenstille schlug uns entgegen. Unheimlich hallten unsere Schritte in der Dunkelheit wider. Nur spärlich vertrieb der flackernde Schein der Fackel die bedrohliche Finsternis. Moos zierte die Ritzen der Mauer und beständig tropfte Wasser hinab. Schritt für Schritt drangen wir in das finstere Reich ein - immer bereit, mit einem Angriff zu rechnen. Aber von wem sollte uns hier schon Gefahr drohen? Abgesehen von irgendwelchen Tieren konnten wir hier niemandem begegnen. Oder doch? Immer wieder blieben wir stehen und lauschten in die Dunkelheit. War da nicht etwas gewesen? Schritte? Atmen?........Nichts.
Immer weiter entfernten wir uns vom rettenden Ausgang, während mich die Sorge nach Wölfchens Verbleib drückte. Der Gang bog nach rechts ab und gefügig folgten wir ihm. Doch schon nach weni-gen Metern erstarrten wir - der Weg gabelte sich. Wohin jetzt? Wir bogen nach links ab. Immer wieder blieb ich stehen und lauschte - in der Hoffnung, Wölfchens Stimme zu vernehmen. Aber das einzige, das ich hörte, war eine dröhnende Stille. Plötzlich war der Gang zu Ende - eine Sackgasse!
„Wir müssen umkehren, mein Kind. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht!"
Leicht entmutigt wandte ich mich um und schritt den Gang zurück. Ich hatte jegliches Zeitgefühl ver-loren. Wie lange mochten wir schon unterwegs sein? Ich setzte Fuß vor Fuß. Wir hatten die Gabe-lung wieder erreicht und wählten nun die andere Richtung. Nach einigen Metern erstarrten wir - Schritte näherten sich! Blitzschnell kehrten wir um und drückten uns in den Gang hinein, der zurück in Richtung Ausgang führte. Wir preßten uns dicht an die eiskalte Wand und warteten ab. Die Schritte kamen näher.
Jetzt hatte er oder sie die Gabelung fast erreicht. Es konnte sich nur noch um wenige Handbreit han-deln. Da! Deutlich vernahmen wir jetzt ein heftiges Atmen. Der Schatten näherte sich, bog um die Ecke und...
„Wölfchen!"
Wie ein Adler im Sturzflug stürmte ich auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
„Ich hab mir solche Sorgen gemacht!"
Er schob mich unsanft beiseite.
„Diese Stille, diese Finsternis! Wir werden Carmen nie finden!"
„Beruhige Dich, Junge. Wir werden sie finden und befreien!"
Beruhigend legte ich meine Hand auf seine Schulter.
„Laß uns weiter gehen. Ich habe das Gefühl, wir haben nicht mehr viel Zeit!"
Elsabes Hand schoß vor und packte ihn am Kragen.
„Halt! Mach das nie wieder - einfach so in die Gefahr rennen! Du gefährdest uns dadurch alle!"
Meter um Meter legten wir zurück und schienen diesmal auf der richtigen Fährte zu sein, denn keine Sackgasse leitete uns irr. Einmal vernahmen wir lautes Plätschern, aber schnell war es wieder ver-schwunden. Die Dunkelheit schien noch schwärzer zu werden, noch unerträglicher die Kälte. Wir froren!
„Nein!"
Wieder stieß der Gang auf eine senkrechte Wand. Wölfchen rastete aus und trommelte gegen die Wand.
„Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich will hier nur raus!"
Elsabe packte ihn unsanft am Arm.
„Hör auf! Habt Ihr denn nicht gehört?"
Elsabe schlug erneut gegen die Wand. Jetzt hörten wir den Unterschied auch! Es war keine steinerne Wand, sondern Holz! Elsabe murmelte einen Spruch und im nächsten Moment knarrte die Tür. Die Scharniere ächzten. Dann - ganz langsam - Fingerbreit um Fingerbreit - fraß sich helles Licht in das Innere des finsteren Ganges. Gespannt und unsicher blinzelten wir in die Öffnung, waren geblendet von der Helligkeit. Auf Elsabes Wink verstummten wir.
Die geheime Tür lag geschützt und versteckt in einer Nische, so daß sie von außen nicht sichtbar war. Jenseits der Nische erstreckte sich ein schmaler, erleuchteter Gang. Aber wir konnten die Lichtquelle nirgends entdecken, die Helligkeit schien von überall her zu kommen. Elsabe ließ die Fackel durch einen magischen Spruch im Nichts verschwinden. Der Gang war nicht sehr lang, zwei große Türen führten hierhin. Am anderen Ende des Ganges hing ein beeindruckender Spiegel. Sein Rahmen war kunstvoll verziert. Die goldene Fassung war unterbrochen von leuchtenden Türkisen, Smaragden und Rubinen.
„Wo mag der Ausgang sein? Das werden wir gleich sehen. Kommt, Kinder!"
Mutig und zielbewußt schritt Elsabe voran, die linke Tür im Visier. Dort angekommen, legte sie lau-schend den Kopf an die Tür. Leise waren wir ihr gefolgt und standen nun dicht hinter ihr. Sie wich einen Schritt zurück, atmete schwer und schluckte. Dann legte sie die rechte Hand auf die klauen-förmige Türklinke, drückte sie ganz langsam hinunter und - riß die Tür auf!
Wölfchen trat neugierig näher und starrte in den Raum, der nur spärlich durch das einfallende Licht erhellt wurde. Vorsichtig blickte er sich um. Der Schein fiel auf eine schmale Treppe, die hinab führ-te. Am Ende der Stufen erblickten wir - Wasser! Ein großer Raum lag unter uns - nur erreichbar durch die Treppe. Der Raum schien sehr hoch zu sein, doch Dreiviertel lagen unter Wasser. Regale zogen sich an den Wänden entlang und teilten den Raum und in den Regalen hunderte, vielleicht so-gar Tausende von kleinen Töpfchen und Gläschen. Elsabe nickte stumm und sah irgendwie traurig aus.
„In jedem Töpfchen befindet sich die Seele eines ertrunkenen Menschen!"
Der Kommentar traf mich mit voller Wucht.
„Was? Wir müssen sie befreien!"
Elsabe schüttelte den Kopf.
„Dazu haben wir keine Zeit! Wir könnten vielleicht einige befreien. Aber befreite Seelen ver-ursachen einen höllischen Lärm. Sie würden Dich verraten, noch bevor Du auch nur ein Zehn-tel befreit hast! Und das Mädchen wäre dann endgültig verloren - auch wir! Wir müssen das Mädchen finden - und dann die Schatzkammer mit der goldenen Osterglocke! Das war also die falsche Tür! Schnell zur anderen! Seid vorsichtig!"
Zusammen kehrten wir zurück zur anderen Tür, vergaßen aber leider, die andere Tür zu schließen. Unsicher standen wir vor der zweiten Tür und öffneten sie vorsichtig. Dahinter erkannten wir eine schmale Wendeltreppe, die nach oben führte. Langsam setzten wir Fuß vor Fuß und erreichten nach dreizehn Stufen eine kleine Plattform. Plötzlich fuhr Wölfchen blitzartig herum.
„Ich habe Schritte gehört!"
Elsabe runzelte die Stirn.
„Was? Unmöglich! Du mußt Dich getäuscht haben! Es ist doch niemand im Palast außer uns! Laßt uns weiter gehen, die Treppe ist noch nicht zu Ende!"
Schweigend gehorchten wir ihrem Befehl, doch Wölfchens Unruhe blieb. Weitere dreizehn Stufen stiegen wir empor, als die Treppe vor einer mächtigen, hölzernen Tür endete. Hastig stieß Wölfchen sie auf. Staunend traten wir hindurch und sahen uns um. Fassungslos ließen wir unsere Blicke umher schweifen.
Wir standen in einem Innenhof. Um uns herum ragten hohe Mauern auf - grau und schmucklos - nur unterbrochen von kleinen Fenstern und drei Türen. Über den Mauern hing undurchdringliche Finster-nis wie ein schwarzes Tuch. Langsam durchquerten wir den Innenhof. Am anderen Ende befand sich - versteckt zwischen den dichten Zweigen eines gewaltigen Efeustocks - eine kleine Tür. Als wir sie öffneten, fiel unser Blick auf eine schmale Treppe, die nach oben führte. Es war unheimlich hier. Wir spürten die Gefahr, die in der Luft lag, ganz deutlich.
„Diese Treppe führt in die Privatgemächer von Rüderig und Thyrza."
Schockiert starrte Wölfchen Elsabe an.
„Dort willst Du hin? Glaubst Du im Ernst, sie würden Carmen dort gefangen halten? Das ist sinnlos, Zeitverschwendung! Ich suche dort drüben!"
Noch bevor ich ihn halten konnte, hatte er sich umgewandt und eilte über das Kopfsteinpflaster durch den Innenhof. Sein Ziel war eine kleine Tür, die der unseren gegenüber lag. Er riß sie auf und stürmte hastig hinein. Im nächsten Moment......
Ein Schrei zerfetzte die Stille und Elsabe fluchte.
„Verdammt! Spätestens jetzt ist jemand auf uns aufmerksam geworden!"
Eilig eilten wir Wölfchen hinterher. Ich erreichte die Tür, stieß einen leisen Schrei aus und wich zu-rück.
Wölfchen stand inmitten eines Raumes, der nur noch einer Ruine glich. Die Wände waren teilweise eingestürzt. Gras wuchs zwischen den Steinen und am Boden. Die einst so prächtigen Wandmalerei-en waren verblaßt und nur noch schemenhaft zu erkennen. Wölfchen stand zwischen umgestürzten Säulen, Gras und Steinbrocken. Starr stand er am selben Fleck - angsterfüllt und ungläubig! Er wagte sich nicht zu bewegen. Ich folgte seinem Blick und sah das Unfaßbare - das Grauenvolle - und das Entsetzliche!
Es war zu abscheulich! Der Boden lebte! Überall!
Es war ein einziges Meer von krabbelnden, ekelhaften, behaarten, bedrohlichen, giftigen, häßlichen, todbringenden, unheilvollen, widerlichen - Spinnen! Und Wölfchen war mitten darin!
„Halt! Bewege Dich keinen Zentimeter!"
Er nickte nur stumm, wandte aber den Blick von den Untieren nicht ab.
„Du scheinst einen siebten Sinn zu haben, Junge! Ich hätte mich fast für den falschen Weg entschieden! Umsonst sind diese Tiere jedenfalls nicht hier!"
Sie murmelte etwas vor sich hin, zuckte aber dann mit den Schultern.
„Verdammt! Thyrza muß einen Schutzbann auf sie gelegt haben - ihre Lieblinge voller Bosheit und Niedertracht!"
Plötzlich schrie ich auf.
„Ich dumme Gans! Warum bin ich nicht eher darauf gekommen?"
Hektisch holte ich die kleine Flasche aus meiner Tasche hervor. Vorsichtig öffnete ich sie und ließ einige Tropfen auf eine der Spinnen fallen. Der Erfolg war enorm!
Die Spinne begann zu zischen und schmolz qualmend und stinkend dahin wie ein Schneeball auf dem warmen Ofen. Sie wurde immer kleiner und unförmiger, bis zuletzt nur noch ein schwarzer, stinken-der, klebriger Haufen übrig war. Sieben dieser Bestien beendeten ihr Leben auf diese Weise. Wölfchen starrte mich fasziniert an, bewegte sich aber immer noch nicht, weil immer noch Hunderte dieser niedlichen Tiere um ihn herum krabbelten.
„Gretl! Was hast Du getan? Nicht! Bleib stehen!"
Vorsichtig und zaghaft setzte ich einen Fuß vor den anderen und schritt langsam auf Wölfchen zu. Wie gebannt starrte ich auf die Spinnen. In mir brodelte die Angst. Hatte das Eindruck auf die Spin-nen gemacht? Oder ließen sie sich nicht irreführen? Mein Herz pochte wild. Langsam bewegte Wölfchen die Lippen.
„Gretl! Bleib stehen! Die Spinnen!"
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich denke nicht dran! Verschwindet, Ihr widerliche Brut! Das hier ist Wasser aus der Quelle der Wahrheit und ich werde Euch alle vernichten!"
Noch einmal ließ ich einige Tropfen auf eine Spinne fallen. Das Ergebnis war dasselbe. Und erneut demonstrierte ich meine Waffe. Wieder verendeten einige Spinnen im Todeskampf. Mehr und mehr der unzähligen Spinnen wichen zurück wie Wölfe vor Feuer. Wie auf Kommando wandten sich die Spinnen plötzlich zum Abzug. Sie krabbelten auf die mauern zu, verschwanden zwischen den Stei-nen, krochen in die Ritzen und Löcher oder krabbelten an den Wänden empor. Schon bald war von ihnen nichts mehr zu sehen - ausgenommen die leblosen Spinnenkadaver.
Erleichtert, aber immer noch mit zitternden Knien schritt Wölfchen auf mich zu und legte dankbar seinen Arm um meinen Hals. Dann wies er auf ein großes Wandbild. Es stellte ein großes, goldenes Tor da, neben welchem eine schwebende, große, schwarze Feder aufgezeichnet war. Auf dieser Feder saß - wie auf einem fliegenden Teppich - eine schwarze Puppe. Ich nickte.
„Das ist eindeutig."
„Aber wo geht es weiter?"
„Dort!"
„Aber das ist doch nur ein gemaltes Tor!"
„Das werden wir gleich feststellen!"
Ich schritt langsam und siegessicher näher, bis ich direkt vor der Wand stand. Ich öffnete die Flasche und spritzte einige Tropfen des Wasser auf das gemalte Tor.
Dann war es soweit!
Das Wandbild, der Putz - bröckelte ab - Stück für Stück - Zentimeter für Zentimeter - wie ein bau-fällig gewordenes Haus. Innerhalb weniger Minuten war die Wand in sich zusammen gefallen wie trockener Sand. Alles, was übrig blieb, war ein Haufen Schmutz zu unseren Füßen. Dahinter kam ein großes, zweiflügeliges, silbernes Tor zum Vorschein. Wölfchen streckte die Hand aus und kaum, daß er das Tor berührt hatte, sprang es auf!
Sterbendes Feuer
Langsam schwang sie auf - Stück für Stück - und Zentimeter für Zentimeter! Dann stand sie weit offen!
Helles Licht schlug uns entgegen. Langsam und ehrfürchtig schritten wir vorwärts - staunend und sprachlos. Der Saal schien komplett aus Elfenbein gearbeitet zu sein - Fliesen, Wände und Decke - überall kostbare Schnitzereien. Dieser Saal! Das Licht schien von überall her zu kommen. Wir konnten keine Lichtquelle erkennen, aber trotzdem war es taghell - eine angenehme, wohltuende Helligkeit. Der Saal war völlig rund.
In der Mitte des Saales erhob sich - auf einem Podest - ein großes, rundes Himmelbett. Und darauf lag in weichen Kissen - Truly - und daneben - meine Mutter!
Wölfchen und ich standen wie angewachsen. Tränen traten uns in die Augen und rannen langsam die Wangen hinab. Wir schritten langsam auf das Bett zu. Ein leichter, kühler Windhauch drang ins Zim-mer und Truly schreckte auf.
„Was wollt Ihr? Wer seid Ihr? Wieder welche von Rüderigs Brut?"
Wölfchen schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir sind es Wölfchen und Gretl! Wir haben nur ein anderes Aussehen - zum Schutz vor Thyrza!"
„Wölfchen? Gretl! Ist das wieder ein böser Traum? Oder einer von Rüderigs Tricks?"
Meine Mutter starrte mich nur ungläubig an.
„Weder noch, Truly. Wir sind gekommen, Euch nach Hause zu holen!"
Sie schluckte.
„Wölfchen? Bist Du es wirklich?"
Langsam, fast wie in Trance - erhob sie sich. Hastig strich sie sich die Haare zurück.
Elsabe trat dazwischen.
„Genug, Kinder! Dafür bleibt uns jetzt keine Zeit mehr!"
Eilig wandten wir uns um und verließen den Elfenbeinsaal. Die gleißende Helligkeit blieb hinter uns zurück. Wieder betraten wir den düsteren Innenhof, wo nur noch einige Spinnenkadaver von dem grausigen Erlebnis berichteten.
„Wie habt Ihr mich gefunden, Wölfchen?"
„Später, Truly. Wir müssen heraus finden, wo sich die Schatzkammer befindet!"
„Warum? Wir sollten lieber verschwinden, bevor Thyrza kommt!"
„Keine Angst! Thyrza und ihr fetter Wassermann sind nicht da. Aber wir wissen, was die Machtquelle Thyrzas ist. Weißt Du, wo die Schatzkammer ist?"
„Soweit ich weiß, irgendwo im Keller. Rüderig wollte mir am Anfang daraus einmal ein kost-bares Geschmeide geben. Aber ich habe keine Ahnung mehr, wie wir dorthin gelangt sind. Wie war das noch? Wir stiegen eine Wendeltreppe hinab. Dann war da ein Raum, der unter Wasser lag. Eine Geheimtür führte in die Schatzkammer!"
Wir eilten den Gang entlang, rissen die Tür auf und hasteten durch das Treppenhaus. Ich öffnete die untere Tür, da....
„Nein!"
Ein Wasserschwall stürzte uns entgegen und schon standen wir bis zu den Knien im Wasser. Glibbe-rige Aale und warzige Kröten schwammen um uns herum.
„Truly! Dort ist die Tür zum Keller. Wo ist die Geheimtür?"
„Ich weiß nicht mehr. Vielleicht dort? Oder hier?"
Ratlos wateten wir durchs Wasser und untersuchten jeden Fingerbreit der Mauern - nichts.
„Aber irgendwo muß doch die Tür sein. Aber wo?"
Ich gab Wölfchen die Flasche mit dem Quellwasser.
„Hier nimm die Flasche. Vielleicht hilft sie Dir!"
„Dein blödes Wunderwasser hilft uns jetzt auch nichts mehr!"
Er nahm das Fläschchen und warf es ziellos in die Dunkelheit, als plötzlich ein jämmerlicher Schrei ertönte - gefolgt von einem ohrenbetäubenden Klirren.
Erschrocken und neugierig zugleich wateten wir vorwärts. Elsabe zauberte eine Fackel herbei.
„Der Spiegel! Seht doch - ein Gang! Das war die Geheimtür!"
Ein schmaler, finsterer Gang lag hinter dem Spiegel - oder vielmehr dem Rest davon. Schon nach wenigen Metern mündete der Gang in einen hellen Raum, dessen Licht wir deutlich erkennen konn-ten. Vorsichtig zwängten wir uns zwischen den Scherben des Spiegels hindurch. Plötzlich ertönte aus dem Treppenhaus eine laute Stimme.
„Sie können noch nicht weit sein! Gleich haben wir sie!"
Wir erschraken und hasteten vorwärts. Dann hörte man ein lautes Platschen und eine fluchende Stimme. Eine Gestalt trat auf uns zu - Edwin! Als er Wölfchen erblickte, erstarrte er.
„Du? Ich habe doch gleich gewußt, daß da etwas faul ist! Und das Vögelchen bleibt hier!"
Edwin schnellte vor und packte Trulys Arm. Truly riß sich los und floh in den Gang.
„Ihr entkommt Thyrza nicht! Sie wird sich über meine Beute freuen! Das wird ein Spaß!"
„Irrtum, Du Blindschleiche! Der Spaß ist auf unserer Seite!"
Wölfchen holte mit der Faust aus und schlug zu. Ein dumpfer Aufschlag, ein Schrei! Edwin kippte um - jammernd, wie ein geprügelter Hund - und klatschte ins Wasser. Dann wandte sich Wölfchen zu Truly um.
„Jetzt fühle ich mich wieder gut!"
„Fühlst Du Dich immer noch so gut?"
Erschrocken fuhren wir alle herum. Die Stimme gehörte Thyrza!
Sie war groß und schlank. Ihr Haar war tiefschwarz, ihre Haut weiß wie Schnee und die grünen Au-gen sandten einen stechenden Blick aus. Ihre langen Finger glichen Spinnenbeinen, als sie auf uns zeigte.
„Da wäre ich ja fast zu spät gekommen" Wollt Ihr wirklich schon gehen? Ohne Euch von mir zu verabschieden? Wie herzlos! Wie wäre es mit einer kleinen Abschiedsfeier? Aber nicht hier. Oben im Festsaal! Rüderig! Hole unseren goldenen Vogel und sperr ihn wieder in den Käfig! Er ist noch nicht alt genug, um frei zu fliegen!"
Truly schluckte.
„Thyrza! Bevor Ihr mich wieder einsperrt, gewährt mir einen letzten Wunsch!"
Thyrza lachte amüsiert.
„Nun gut mein Kind. Wir wollen nicht so sein. Was möchtest Du?"
„Ich möchte mir einmal die Schatzkammer ansehen. Bitte!"
Thyrza zögerte.
„Nun gut, Ihr habt riskant gespielt, Ich will Euren Mut belohnen! Ihr dürft noch einmal die Schatzkammer besichtigen, bevor wir zum ernsten Teil des Spieles kommen! Außerdem hast Du noch etwas, das ich haben möchte. Du weißt, was ich meine - das Buch Egima! Gib es mir und Du Darfst Dir etwas Schönes aus der Schatzkammer aussuchen. Ich will heute großzügig sein!"
Wir schritten hinein in die helle Schatzkammer. Ängstlich blickten wir uns um und ließen die Blicke über die gefüllten Regale schweifen. Bücher, Besen, Edelsteine, Gold und viele andere Schätze ruh-ten hier. Über allem hing eine durchsichtige Decke aus Bergkristall und darüber erkannten wir Was-ser. Wölfchen zuckte zusammen und wurde nervös. Er schien etwas entdeckt zu haben, aber was?
Langsam schritten wir durch die Gänge und betrachteten den Inhalt der Regale. Prüfend strich unser Blick über die kostbaren Geschmeide und den wertvollen Schmuck. Es gab viel zu bewundern, aber nichts von alledem sagte uns zu. Plötzlich erstarrte Truly.
Langsam schritt sie auf ein ausgestopftes Krokodil mit weit aufgerissenem Rachen zu. Die Augen der Bestie glänzten wie Smaragde. Ein Strauß Frühlingsblumen steckte im Maul des Tieres. Blitzschnell schoß Wölfchens Hand vor und zog die goldene Osterglocke hervor. Thyrza erbleichte.
„Nein! Nicht! Gebt sie mir! Machen wir ein Geschäft! Ich werde Euch ziehen lassen! Meine Gnade gegen die Blume."
„Wir sind an Deiner Gnade nicht interessiert, Thyrza! Ja, ich bin es - Elsabe! Mich hast Du wohl nicht erwartet? Tue Deine Pflicht, Junge! Denk daran, was sie dem Mädchen angetan hat!"
Wölfchens Blick pendelte zwischen Thyrza und der Osterglocke hin und her.
„Ich kann nicht! Ich würde sie töten!"
Schützend trat Elsabe an seine Seite.
„Du kannst sie nicht töten, ihr nur die Macht nehmen!"
„Nein! Nicht!"
Rüderig schoß aus dem Gang hevror, raste auf Wölfchen zu und versuchte, ihm die Blume aus der Hand zu reißen. Erschrocken wich Wölfchen zurück, als sich Zackenschlucks linke Hand um den Stiel der Blume schloß. Doch der wassermann glitt auf dem feuchten Boden aus. Selbst in diesem Moment ließ seine Habgier nicht zu, daß er losließ. Durch den unerwarteten Ruck zerriß die goldene Osterglocke.
Im nächsten Moment begann die Erde zu beben. Während Thyrza und Rüderig erstarrten, scheuchte uns Elsabe vorwärts - auf den Spiegel zu. Wir hatten ihn fast erreicht, da nahm das Beben eine ex-treme Stärke an und der Gang stürzte zusammen. Trümmer und Staub verschlossen die Geheimtür.
Voller Angst wateten wir zurück in die Schatzkammer. Thyrza stand noch immer anteilslos am selben Fleck und starrte auf die abgerissene Blüte, die Wölfchen zu Boden geworfen hatte. Keiner von uns kümmerte sich um die beiden Trauergestalten. Die kristallene Decke begann zu knacken, zuerst kaum hörbar, dann immer lauter. Hastig zog uns Wölfchen zurück in den Gang, der vom Spiegel zur Schatzkammer führte.
„Das ist das Wasserbecken der Gärtnerei. Gleich wird die Decke zerspringen und einstürzen. Dann holt tief Luft und schwimmt an die Oberfläche!"
Wieder bebte die Erde - schlimmer als je zuvor. Ein lautes, kreischendes Knirschen ertönte und dann zerbrach die kristallene Decke mit lautem Klirren. Das Wasser! Es strömte herab wie ein Wasserfall!
Ein letzter Blick! Dann ging alles im Wasser unter.....
Prustend und keuchend tauchten wir auf. Das Wasser war kalt. Über uns ragten die Wände des Wasserbeckens auf - unerreichbar hoch. Elsabe murmelte einen Spruch und schon befand sich an der Wand eine Leiter, die uns hinaus führte. Wir froren bitterlich, aber Dank Elsabes Hilfe trockneten wir in Sekundenschnelle.
Schockiert sahen wir uns um.
Nichts von der Gärtnerei war mehr heil. Von den Gewächshäusern standen nur noch Gerippe. Un-mengen von Scherben lagen überall am Boden. Das Wohnhaus war in sich zusammen gefallen wie ein Kartenhaus. Erst jetzt sah ich, daß Elsabe plötzlich viel jünger aussah. Kein krummer Rücken, keine Falten und Runzeln, kein graues Haar. Und auch Truly sah plötzlich völlig anders aus. Ihre braunen Augen waren nun blaugrau und ihr struppiges, schwarzes Haar war weichen, dunkelblonden Wellen gewichen. Ihr schmales Gesicht wirkte zerbrechlich und liebevoll. Elsabe trat auf uns zu.
„Ich habe Euch viel zu verdanken. Ohne Euch wäre ich noch immer ein altes Weib - ver-dammt zum herum irren! Ich werde nun in das Reich meiner Eltern zurück kehren. Lebt wohl und Danke!"
Für einen kurzen Moment verschwand die Welt vor unseren Augen hinter einem dichten Nebel. Als er sich lichtete, sahen wir, daß wir uns auf dem Marktplatz von Hamulo befanden.
Immer noch etwas benommen schritten wir auf die Einhorn-Apotheke zu. Wölfchen führte uns in die Alte Gasse. Hier schien sich nichts verändert zu haben. Bis auf Folgwangs Haus. Es sah aus, als sei es nie zerstört worden und wirkte wie neu. Wölfchens Eltern eilten uns entgegen und mit ihnen Zacharias. Charly schoß aus dem Hintergrund hervor und umrundete sein Herrschen voller Freude. Sein freudiges Gebell hallte laut durch die Gasse.
„Tannenblitz und Wildschweinfeder! Habt Ihr es also geschafft? Ich dachte schon,... Jetzt wird hier hoffentlich wieder Ruhe und Frieden einkehren!"
Folgwang trat mit ernstem Gesicht auf Truly alias Carmen zu.
„Wo ist das Buch? Hat es Thyrza?"
Carmen schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe es mit einem Zauberspruch zurück zu Mencara geschickt. Da schien es mir am sichersten. Wölfchen wieder gefunden zu haben, ist mir Magie genug!"
Zusammen mit meiner Mutter zog ich ins Obergeschoß von Folgwangs Haus, da unseres ja ausgebrannt war. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Mutter an die merkwürdigen Nachbarn gewöhnte und mit dem Umstand der unsichtbaren Gasse zurecht kam. Aber nach einer Weile erfüllte sie ein gewisser Stolz zu auserlesenen Bewohnern einer ganz besonderen Gasse zu gehören. Einer Gasse, die sehr speziell, aber keineswegs einzigartig ist.
Jede Stadt, jedes Dorf hat solch eine Gasse - verborgen für die Menschen ohne Phantasie, Träume und Glaube an das Unmögliche. Wer wachsam durch die Welt geht und Augen für die kleinen Wun-der des Lebens hat, der kann diese verborgenen Gassen finden - und den werden sie vielleicht auch in eine Welt voller Geheimnisse und Mysterien führen.
by C.D als Geschenk für einen wundervollen Menschen 05/2006
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