Geschichte![]()
Verstehen? Was ist das schon? Hat mich denn jemand gefragt, ob ich es verstehe? Nein, es hat niemand gefragt. Und doch kennt jeder die Antwort. Nur ich finde sie mal wieder nicht. „Hier in diesem verdammten Chaos kann man ja auch nichts finden“, sagt meine Mutter immer. Und ich muss an sie denken als ich auf der Suche nach der Antwort dein Bild zwischen meinem schwarzen Lieblingspulli und dem schmutzigen Teller mit den beiden übrig gebliebenen Pizzastücken entdecke. Der Gedanke, dass mein Lieblingspulli nur darauf wartet, von mir zur Waschmaschine getragen zu werden, wird von dem Gefühl, das dein Anblick in mir auslöst, verdrängt. Ich sehe dich. Du stehst vor mir. Genau wie damals! Du fragtest mich, wann wir uns wieder sehen. Ich antwortete nicht, weil ich keine Antwort wusste. Der Moment zog mir den Verstand aus dem Kopf und ließ mich den Zeitpunkt nicht erkennen. Ich sagte „Auf Wiedersehen“ und alles war wie immer. Dachte ich! Denn nun, wenn ich dein Bild anschaue, weiß ich, dass nichts wie immer war. Und auch jetzt, wo der Film in meinem Kopf zu Ende ist, kann ich meinen Blick nicht von deinem Foto wenden. Standbild – als hätte ich gerade „Pause“ gedrückt. Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen und doch ist es unendlich lange her. Viel zu lange bin ich schon ohne dich. Viel zu oft drehe ich mich in meinem Delirium im Kreis. Und doch komme ich nicht zu einem Endpunkt. Noch immer sitzt der Schmerz tief und die Unerklärlichkeit dieses schicksalhaften Tages durchbohrt mein Herz. Da warst du doch gerade noch! Und jetzt? Einfach weg. Der Kleiderberg, auf dem ich liege, wird von Tag zu Tag größer. Aber wozu auch aufräumen? Hier kommt eh niemand her. Ich will auch niemanden sehen. Wenn ich hier bin, gehöre ich nur mir. Nein, eigentlich dir, aber was macht das schon für einen Unterschied? Lebten wir nicht ohnehin immer zusammen? Füreinander? Ja, das taten wir und ich tue es noch immer, auch wenn es sich in meinem Herzen nicht mehr so anfühlt. Ich nehme seine pulsierenden Bewegungen wahr, aber es ist nicht mehr mit mir vereint. Es fühlt sich in mir an wie ein Fremdkörper, der mich nur noch belästigt, weil er unerträgliche Schmerzen in mir verursacht. Im Takt meines Herzschlages höre ich leise Musik. Sie kommt aus der Richtung, in der mein CD-Player ordnungsgemäß auf seinem Platz steht. Ich kann mich gar nicht erinnern, ihn eingeschaltet zu haben, aber vermutlich lief er wieder mal die ganze Nacht hindurch und es ist inzwischen schon früh am Morgen. Ich versuche durch den Türspalt, der zu dem langen Korridor gelegen ist, Licht zu erkennen, um den neuen Tag zu identifizieren. Doch ich sehe nichts. Alles ist dunkel, draußen ist es ruhig. Nur meine Musik blökt leise vor sich hin. Sie spielen dir unseren Lieblingssong. Hörst du ihn nicht? Weißt du nicht mehr, wie wir damals am Strand saßen und du mir diesen Song auf der Gitarre vorspieltest? Du hast es nicht vergessen, ich spüre es. In unserer kleinen Bucht haben wir damals unsere Welt in Händen gehalten. Ich war so frei wie nie zuvor. Du, das Meer und ich. Keine Schmerzen und keine Zweifel! Und wer hält unsere Welt jetzt in Händen? Ich weiß nur, ich bin es nicht. Mir ist alles entglitten. Alles, was mir wichtig war, zerrann als du an diesem Tag an der Türklinke zogst und die Türe mit einem leisen Klacken in ihre Angeln fiel. Das letzte Geräusch, das ich von dir habe. Ansonsten nur Erinnerungen. Kopfkino! Filme aus tausend und einer Nacht. Ich habe sie alle schon gesehen – jeden einzelnen Teil dieser Reihe. Nicht nur einmal. Kein einziger ist in meiner stillen Bewertung ohne Oscar ausgegangen. Nur in der Gesamtwertung fällt das fehlende Ende ins Gewicht. Wer hat den Menschen denn dieses End-Denken beigebracht? Es scheint als gäbe es eine Faustregel, die besagt, dass es keinen Beifall geben darf, wo es kein Ende gibt. Bei uns gibt es kein Ende. Ein Abschied ohne Endgültigkeit ist kein richtiger Abschied. „Auf Wiedersehen“ sagen und wissen, dass es kein Wiedersehen geben wird ist etwas anderes als „Auf Wiedersehen“ sagen und denken, es gäbe ein Morgen – nicht nur für mich. Ich glaube, es ist an der Zeit, mal wieder einzuschalten. Zu vage erscheint mir im Augenblick der Schmerz, der durch die Lücke, die du in meinem Leben hinterlassen hast, hindurch klafft. Ich muss mich erinnern. Um dich nicht aus meinem Kopf zu verlieren. Um dir weiter meine Hand zu reichen über die Schwelle des Todes hinweg. Alle, die seither mit mir geredet haben, sagten, ich müsse versuchen zu vergessen. Doch wer fragt mich? Was ist, wenn ich gar nicht vergessen will? Niemals werde ich dich loslassen. An keinem Tag meiner jämmerlichen Existenz möchte ich ohne die Erinnerung an unsere gemeinsame Welt sein. Es macht mich wütend, wie unwissend manche Leute über das sprechen, was sie glauben von meinen Empfindungen zu wissen. Aber darüber will ich nicht weiter nachdenken. Ich lege die Kassette ein und drücke auf „Play“. Südfrankreich. Damals auf unserer Strandmatte. Dem Meer so nah. Die Sterne breiteten ihr Funkeln in deinen Augen aus. Dein Haar flatterte im Wind. Ein unbeschreiblicher Duft, der von deiner Haut ausging. Wir sahen uns an. Tränen rollten über deine sanft-rötlichen Wangen. Niemals wollte ich so für dich da sein wie in diesem Augenblick. Dieser Drang umklammerte mich, ließ mich auf eben diese Weise auch dich umklammern. Fest in meine Arme geborgen erzähltest du mir dein Leben. Die Magie, die aus deinen Worten sprach, ließ mein Herz unter deinen Tränen erbeben. Alles, was du sagtest, fügte sich in meinem Kopf wie ein Strickmuster zusammen. Ich sah zum ersten Mal mit beiden Augen auf das unverdeckte Elend dieser Welt, nicht ahnend, dass ich mich selbst mal in diesem Labyrinth verlaufen würde. Deine Beschreibung war so lebendig und du schon so voller Tod. Ich hatte Illusionen. Glaubte, ich könne deinen Schmerz per Flaschenpost ans andere Ende der Welt spülen. Dir Kraft geben. Für dich da sein. Dich beschützen vor der fremden Macht, die dich allmählich in Besitz zu nehmen drohte. Doch ich war machtlos, kämpfte ins Nichts. Zu weit warst du schon über die Schwelle hinweg, auf deren anderer Seite das Leben steht. Mein Kopf spielt mir inzwischen immer öfter üble Streiche. Vor meinen Augen flimmert es und ich spüre deinen Atem in meinem Nacken. Ich zucke für einen Moment zusammen, drehe mich um und stehe dir gegenüber. Wie damals als wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Du bist immer noch genauso schön. Ich streichele deine Wange und spüre dabei wie kalt du bist. Du scheinst jegliche Kälte in dich aufgesogen zu haben und ich erinnere mich, dass du selbst damals am Strand kalte Hände hattest. Die Kälte, die in dir wohnte, wirkte fast unheimlich im Vergleich zu der glühenden Wärme, die dein Herz ausstrahlte. Nur du konntest diese Wärme nicht spüren. Sie war dir so nah, tief in dir drin und für dich doch so fremd. Ich wünschte du könntest ahnen, wie glücklich du mich gemacht hast, flüstere ich dir gerade ins Ohr als ich mir den Kopf an der Querverstrebung der Vitrine stoße, in deren Glas sich vor meinem inneren Auge dein Gesicht spiegelte. Meine Hand ruht sanft auf der kalten Edelstahlfassade, die die Vitrine seitlich ziert. Ich muss verrückt geworden sein. Kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Lebe nur noch in meiner Erinnerung an dich. Die Zukunft will ich nicht sehen. Die Gegenwart schmerzt. Und die Vergangenheit lässt mich nicht los. Oft habe ich darüber nachgedacht, ob es nicht doch stimmt, was die Leute immer sagen. Die Zeit heilt alle Wunden. Wie oft habe ich diesen Satz in den vergangenen Monaten gehört? Unzählige Male! Aber was ist überhaupt Zeit? An glücklichen Tagen ist Zeit eine Qual, weil sie zu schnell vergeht und man rastlos an sämtliche Häfen schwimmt, um irgendwo doch noch ein Stückchen davon zu gewinnen. An schlechten Tagen ist Zeit eine Qual, weil sich eine Sekunde wie ein Messer ins Herz bohrt und sich über das Dasein legt wie ein Schleier der Finsternis über den lichterfüllten Raum. Zeit ist relativ. Ihre Bedeutung richtet sich nach dem Blickwinkel ihres Betrachters. Für mich ist Zeit nur noch ein vager Horizont. Mein Zeitgefühl muss mir irgendwo abhanden gekommen sein. Zwischen schwarzen Klamotten, ketchupverschmiertem Teppichboden und verschmutzten Tellern muss es irgendwo liegen. Ich bin zu faul es zu suchen. Würde es hier drinnen tagsüber nicht durch das von draußen herein schimmernde Tageslicht heller werden, wüsste ich nicht einmal wann es Morgen und wann Abend ist. Aber wozu auch? In meinem Herzen ist es eh immer Nacht! Ich komme auf die Idee nach meinem Handy zu suchen. Wie gerne würde ich noch einmal deine letzten Worte an mich lesen? Es muss doch irgendwo sein. Meine Mum hat Recht, in diesem Chaos findet man wirklich nichts mehr. Aber normalerweise suche ich ja auch nichts. Nur jetzt will ich eben mein verdammtes Handy. In der dritten Hose, deren Taschen ich durchsuche, finde ich es. Zwei entgangene Anrufe! Löschen! Da ist sie ja – deine letzte SMS. Das SMS-Postfach voll von dir. Sammy – von der ersten bis zur letzten Nachricht. Ich drücke auf „Lesen“. Ich kenne deine Worte auswendig. Eingebrannt in mein Herz wie die Narben in die Haut, die einen an die kleinen Unfälle der Kindheit erinnern. Doch immer wieder muss ich sie lesen. Während sich dabei meine Augen mit Tränen füllen und der Text langsam vor mir verschwimmt, spreche ich leise deine Worte vor mich hin. Wie ein stilles Gebet. „Tommy, du musst jetzt stark sein. Ich möchte, dass du lebst. Vollbringe das, was ich nie wirklich schaffte! In ewiger Freundschaft, Sammy“ Ich sinke auf die Knie, verliere die Kontrolle. Meine Fäuste schlagen in rhythmischen Bewegungen abwechselnd auf den Teppich ein, der den Boden meines Zimmers ziert. Ich hasse es! Ich hasse mich! Weil ich lebe, obwohl ich es nicht will. Dein Tod hat mein Herz gefangen genommen und es wird sich nur befreien können, wenn ich dir folge – an dem Tag, an dem wir wieder vereint sind, wird es wieder in Freiheit schlagen. Für dich, für uns! Deinen Wunsch werde ich niemals erfüllen können… Diese Gedanken realisierend, bemerke ich, dass ich bereits nicht mehr im eigentlichen Sinne lebe. Ich warte. Und dieses Warten ist der Sinn, wegen dem ich mein Dasein friste. Es ist ein Warten auf den Tod! Lang ersehnt – zuerst mit dir zusammen und nun für mich alleine. Früher teilten wir dieses Warten, teilten wir unseren Weltschmerz. Die Trauer über triviale Kleinigkeiten, die Orientierungslosigkeit in einer Welt, für die wir nicht geschaffen sind. Oder die nicht für uns geschaffen ist! Ja, wir teilten alles und waren nicht alleine. Nun hat diese Einsamkeit alles, was zuvor mein Leben zerrüttete, verdrängt. Unter sich begraben! Sie ist noch erdrückender. Sie kam als du gingst. Schon allein deswegen muss ich sie verabscheuen. Doch ich werde sie besiegen… Verloren in meinen Gedanken, greife ich nach der Klinge. Schnitte habe ich schon viele gemacht. Doch heute mache ich es richtig… Kommentare![]()
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