Geschichte![]()
Als sie nach einigen Tagen weit über die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatten, ging es Irma zunehmend schlechter. Ihre Schmerzen wurden stärker und stärker und langsam, aber sicher setzten die ersten Wehen ein. Die glücklichen, aber besorgten Eltern sahen den Tatsachen ins Auge: Ihr Sohn würde mitten in der eisigen Wildnis auf einem schneebedeckten Feld ungeschützt vor Wind und Kälte zur Welt kommen. Während sich die schwache Irma auf einer mitgebrachten Wolldecke ausruhte, suchte Hugo ein paar Äste im nahe gelegenen Wald zusammen und steckte sie so in den Boden, dass sie sich an einer Stelle in der Mitte trafen. Die zweite mitgebrachte Decke hing er über die Äste, so dass aus den spärlichen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, ein kleines Indianerzelt wurde, in das sich Irma mit schmerzverzerrtem Gesicht kauerte. Ihr Mann kniete vor dem kleinen, mühevoll errichteten Unterschlupf und hielt kraftvoll ihre Hand, um zu signalisieren, dass sie nicht alleine ist. Der werdende Papa war mit der Situation ebenso überfordert wie Irma selbst, doch war er sichtlich bemüht, seiner Frau nichts von seiner Sorge und Angst zu zeigen. Es verging kaum eine Stunde mit schmerzvollen Wehen bis die glücklichen Eltern ihren kleinen Sohn in die Arme schließen konnten. All das Leid der gemeinsam durch gestandenen, letzten Stunden war vergessen! Frederik war kerngesund und schlief die erste Nacht in den Armen seines stolzen Vaters. Als die Familie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sich die Wetterlage weiter verschlechtert. Ein schwerer Schneesturm zog auf und verwüstete das umliegende Land. Das Zelt wurde weggefegt und die kleine Familie kämpfte ums nackte Überleben. Der kleine Sohn war in die beiden Decken gehüllt und eng an die starke Brust seines Vaters gepresst. Irma und Hugo war klar, dass sie keine andere Wahl hatten als den beschwerlichen Restweg nun auf sich zu nehmen, um dem wilden Schneetreiben zu entkommen. Also kämpften sie sich Schritt für Schritt gegen den schweren Sturm voran. Es wurde immer eisiger um sie herum und die Sorge um den Sohn wuchs von Minute zu Minute. Doch ein Unterschlupf, unter dessen Schutz sich die kleine Pinguin-Familie ausruhen konnte, war nicht in Sicht. Irmas Lippen waren inzwischen blau gefärbt von der klirrenden Kälte und auch Hugo wurde zunehmend kraftloser. Eine eisigkalte Windböe kam auf die Frierenden zu und entzweite die Eltern von ihrem Kind. Der Wind war zu stark geworden und Hugo konnte den Kleinen nicht mehr festhalten. Er wurde vom Wind davon getragen und die machtlose Irma sank weinend im Schnee zusammen, während Hugo seine letzte Kraft aufbrachte, um laut Frederiks Namen zu rufen und seinem Sohn vom Wind getrieben hinterher zu rennen. Doch von Frederik war keine Spur mehr. Die verzweifelten Eltern harrten stundenlang im weiter tobenden Sturm am gleichen Fleckchen Erde aus, um ihren geliebten Sohn nach Ende des Sturmes weiter zu suchen, doch jede Suche war erfolglos. Irma und Hugo schwankten zwischen der Hoffnung, dass Frederik durch den Schutz der beiden Wolldecken, den Sturm überlebt hat und jemand ihn findet, bei dem es ihm gut geht, und der unsäglichen Trauer, den neugeborenen Sohn auf solch tragische Weise wenige Stunden nach der Geburt verloren zu haben. Sechs Jahre später dachten Irma und Hugo noch immer Tag für Tag an diese Geschehnisse. Der Schatten, den der Verlust des Sohnes, auf ihrem Leben hinterlassen hat, konnte auch über die Jahre nicht verblassen. Traurig mussten sie mit ansehen, wie die Kinder ihrer Nachbarn eingeschult wurden und täglich neue Dinge erkundeten. Sie spielten auf der Straße, tobten ausgelassen durch die Vorgärten und besuchten jeden Montagnachmittag zusammen den Eisbärenclub, bei dem Eisbären aller Herrenländer unterschiedliche Theaterstücke bekannter Autoren aufführten. Nur einer fehlte: Frederik! Er wäre in diesem Jahr auch eingeschult worden und hätte sicher einen Heidenspaß mit den anderen Kindern. Irma und Hugo sahen jeden Tag aus dem Fenster und beobachteten das wilde Treiben auf der Straße. Sie schauten sich traurig an als eines der Kinder eines Tages an der Türe klingelte und fragte, warum sie denn keine Kinder hätten. Frederik war unterdessen bei einem alten Bauern aufgewachsen. Der Alte hatte ihn zwei Stunden nach der Trennung von seinen Eltern in eine Wolldecke eingehüllt im Schnee gefunden und ihn mit in seine kleine Holzhütte am Waldrand genommen. Die zweite Decke musste Frederik verloren haben, sie wurde vermutlich vom Wind davon geweht. Dass er Frederik gefunden hat, war mehr als nur ein Zufall. Der Sturm hatte sich gerade etwas beruhigt als der Hund des Bauers wild anfing zu bellen. Er wedelte mit dem Schwanz und wich dem Bauer nicht mehr von der Seite bis dieser erkannte, dass ihm sein vierbeiniger Gefährte etwas zeigen will. Der Bauer nahm seinen Hund an die Leine und ließ sich von ihm zu dem kleinen Findelkind führen. Der Instinkt des Hundes rettete dem Kleinen das Leben. Als der Bauer mit Frederik in seiner Holzhütte ankam, wärmte er den Kleinen am Kaminfeuer und wiegte ihn im Schaukelstuhl sitzend in seinen Armen in den Schlaf. Er war sich nicht sicher, was er nun tun sollte. Er konnte schließlich nicht ahnen, was passiert war und vermutete, Frederik sei ausgesetzt worden. Also nahm er sich dem Kleinen an und versuchte ihm eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Er spielte jeden Tag mit ihm auf dem großen Feld vor dem Haus Fußball, brachte ihm lesen und schreiben bei, ging mit ihm in den Wald Holz hacken und ließ ihm alle Freiheiten, die sich eine kleiner Pinguin-Junge wünscht. Frederik ging es stets gut bei dem Alten. Er war für ihn zu einem liebevollen Vater geworden, auch wenn es augenscheinlich war, dass er nicht sein leiblicher Vater ist. Doch mit der Zeit wurde der Bauer immer gebrechlicher. Aus den eingefallenen Augenhöhlen blitzten die Augen müde hervor, der Stock, an dem er ging, stützte ihn inzwischen mehr als die eigenen Beine. Dem Alten war klar, dass es mit ihm zu Ende gehen würde. Er dachte lange nach, was aus Frederik werden würde, und kam zu der Einsicht, dass er viel früher den Schritt hätte gehen müssen, zu dem er sich nun bereit fühlte. Er fasste den Entschluss, die Eltern des Sechsjährigen ausfindig zu machen und sie zu fragen, was damals an diesem stürmigen Tage geschehen war. Der Alte machte sich früh am Morgen als Frederik noch schlief auf den Weg in die nächstgelegene Stadt, um einen alten Bekannten, der in der Stadt einen Laden hatte, um seine Hilfe zu bitten. Als er den beschwerlichen, weiten Weg hinter sich gebracht hatte und den Laden betrat, fühlte der Alte seinen Körper kaum mehr. Selbst die Schmerzen, die ihn zuvor noch plagten, waren nicht mehr zu spüren – so taub waren seine Glieder von der Anstrengung. Der Bekannte brachte den alten Mann in die warme Hinterstube des Ladens und servierte ihm einen heißen Tee, den der Alte zufrieden schlurfte während er dem Ladenbesitzer seine Lage schilderte. Tief ergriffen von der Geschichte des kleinen Frederik bot der Bekannte dem Bauern postwendend seine Hilfe an. Er erzählte irgendetwas von einem Computer, was der Alte nicht recht verstand. Dieses Wort hatte er noch nie zuvor gehört, ließ sich aber von dem Ladenbesitzer versichern, dass sein Plan sicher war. Der Bekannte half dem Alten aus dem Stuhl und führte ihn in sein Büro, in dem ein eckiger Kasten flimmerte. Der Alte kannte ein solches Gerät nicht, doch der Bekannte hantierte zielsicher damit als ob er den ganzen Tag nichts anderes machen würde. Er klickte auf Tasten, auf denen einzelne Buchstaben abgebildet waren und redete wirres Zeug, welches der Bauer nicht verstand. Alles, was er sehen konnte, waren die Buchstaben, die sein Helfer nacheinander drückte: w-w-w-e-b-a-y-d-e. Nach ein paar Minuten wandte sich der Ladenbesitzer von dem eckigen Kasten ab und schaute den Alten Vertrauen suchend an. Den skeptischen Blick des Bauern wahrnehmend versicherte er diesem glaubhaft, dass er die Eltern des kleinen Frederik ausfindig machen konnte und sie den nächsten Flug in das kleine Städtchen nehmen würden. Der Bauer verstand die Welt nicht mehr, bedankte sich jedoch herzlich und stapfte zufrieden davon. Zwei Tage später klopfte es an der morschen Türe des bäuerlichen Holzhauses. Da der Alte in seinem Schaukelstuhl eingeschlafen war, öffnete Frederik neugierig die Tür. Gegenüber standen ihm seine Eltern, die ihn freudig in die Arme schlossen. Die kleine Familie war fortan wieder vereint. Der Bauer wachte aus dem Schlaf, in den er an diesem Tag gefallen war, nicht wieder auf. Er handelte genau zum richtigen Zeitpunkt und hinterließ der Familie seinen gesamten Besitz. Sie setzten ihr Leben im Hause des Bauers fort – auf dem gleichen Feld, auf dem Frederiks Leben begann. Nur ein bisschen weiter südlich... Kommentare![]()
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