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Geschichte

 
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Der Perfektionist

Leonore Enzmann, 13. Juni 2006
Henlein lebte ein ausgesprochen wohlgeordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Jeden Morgen um die gleiche Zeit stand er auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um die gleiche Zeit Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen...
Im Haus Nummer 22 in der Lindenstraße wohnten außer Henlein noch die Familie Boll, ein Ehepaar Mitte vierzig mit ihrem siebzehnjährigen Sohn Kai. Sie wohnten in der ersten Etage des Vierfamilienhauses am Rande der Großstadt. Der Junge lernte im ersten Lehrjahr Bankkaufmann. In seiner Freizeit fuhr er gern mit dem Boot den Fluss hinunter zu einer bestimmten Stelleaußerhalb der Stadt, an der man wunderbar angeln konnte.
Neben den Bolls wohnte die Familie Palodowski, beide Ende dreißig, mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Madeleine, einem hübschen, sehr schüchternen Mädchen, das seinen Eltern nie Ärger bereitete, nach der Schule niemals bummelte und im Haushalt tüchtig mit zupackte. Das musste sie auch, denn ihre Eltern waren geschäftlich viel unterwegs und hatten wenig Zeit, sich um Haushalt und Kind zu kümmern.
Im Erdgeschoss, neben Henlein, lebte seit Kurzem die siebenundzwanzigjährige Kathrin Wagner. Keiner wusste etwas von ihr, denn sie lebte sehr zurückgezogen, sagte außer "Guten Tag" kein Wort und verließ selten das Haus. Sie bekam auch nie Besuch und so merkte keiner so richtig, dass Kathrin überhaupt existierte.
Aber das interessiert Henlein alles sowieso nicht. Er lebte sein eigenes Leben und das minutiös.
Pünktlich um 7 Uhr klingelte sein Wecker. Sofort schwang er die Beine aus dem Bett und eine Minute nach 7 hörte man im ganzen Haus die Rollladen in Henleins Wohnung nach oben fahren. Fünf Minuten später stand er im Bad, stellte den Kurzzeitwecker auf vier Minuten und begann sich die Zähne zu putzen. Danach drehte er die Dusche auf, sie war präziese auf fünfunddreißig Grad eingestellt, und duschte zehn Minuten.
Nachdem er seine Morgentoilette beendet hatte, erschien er genau 7,30 Uhr in der Küche und stellte das Radio ein. Die Zeitansage bestätigte ihm, dass er genau im Limit lag. Er verglich seine Armbanduhr und die große Küchenuhr, sie stimmten sekundengenau überein. Henlein lächelte.
Er ließ Wasser in den Topf laufen, stellte ihn auf den Gasherd, pickte sein Frühstücksei an und tat es hinein. Dann stellte er den Kurzzeitwecker auf fünf Minuten, schaltete die Kaffemaschine an und ging zurück ins Bad, um sich zu rasieren.
Kai Boll im Bad darüber, der sich wie immer viel zu spät aus dem Bett gequält hatte und nun verschlafen im Spiegel sein vertrieftes Gesicht betrachtete, hörte, wie pünktlich um 7,35 Uhr der Rasierapparat von Henlein zu summen begann.
Genau fünf Minuten später saß Henlein am Frühstückstisch und biss genussvoll in sein Marmeladenbrot.
Pünktlich 8 Uhr verließ er das Haus, ging zur Bushaltestelle und fuhr mit der Linie 60 um 8,07 Uhr in sein Büro. Dieses befand sich in einem Geschäftshaus mit sechs Etagen, in denen die Zentrale der Versicherungsgesellschaft residierte, für die er arbeitete.
Fünf Minuten vor halb neun betrat Henlein das Gebäude, grüßte den Pförtner, der ihm seinen Schlüssel überreichte, stieg die Treppe zur ersten Etage empor, in der sich sein Büro befand und saß Punkt halb neun an seinem Schreibtisch.
So ging es seit zwanzig Jahren jeden Tag. Henlein konnte sich nicht entsinnen, dass es jemals anders gewesen sein sollte. In seinem Leben gab es keine Ausnahmen, keine Fehlzeiten, ja nicht einmal einen einzigen Tag, an dem er wegen Krankheit nicht zur Arbeit gehen konnte. Am liebsten hätte er auch auf seinen Urlaub verzichtet, denn in diesen vier Wochen fühlte er sich unnütz, die Zeit ging für nebensächliche Dinge verloren. Aber was half es? Er musste seinen Urlaub nehmen, und so fuhr er in den vier Wochen zu seiner fünf Jahre jüngeren Schwester aufs Land. Diese hatte einen kleinen Lebensmittelladen und in diesem half er dann von morgens bis abends, indem er kassierte, die Inventur durchführte und die Bilanzen und Steuerunterlagen für das Finanzamt fertig machte. Das war eine große Hilfe für seine Schwester, die sich im Laufe der Jahre an die kostenlose Dienstleistung ihres Bruders gewöhnt hatte und sich darauf verließ.
Henlein hatte als Kind eine militärisch strenge Erziehung genossen. Sein Vater, ein Oberstleutnant der Luftwaffe, war die Pünktlichkeit in Person und das verlangte er auch von seinen Kindern. Die Mutter war kurz nach der Geburt ihrer Tochter gestorben. So war es Henlein von frühester Kindheit an gewöhnt, vom Vater Befehle zu empfangen, in jeder Hinsicht perfekt zu sein und Befehle an seine kleine Schwester weiter zu geben. Als diese dann jedoch zwei Jahre nach dem Tod des Vaters einen Mann vom Lande heiratete und die gemeinsame Wohnung verließ, zog Henlein sich in sein Schneckenhaus zurück und lebte nun für sich allein und mit seinen Uhren, die sich in jedem Raum seiner Wohnung befanden und von ihm täglich streng auf Genauigkeit kontrolliert wurden.

An einem Donnerstag im Juni verließ Henlein sein Büro pünktlich um 17,30 Uhr.
Der Pförtner in der Eingangshalle sagte: "Pünktlich wie immer, Herr Henlein."
"Stimmt genau" sagte Henlein, aber er verließ das Gebäude nicht. Ihm war eingefallen, dass er seine Brille auf dem Schreibtisch vergessen hatte. Das war ihm noch nie passiert. Er kehrte um und der Pförtner wunderte sich. "Haben Sie etwas vergessen, Herr Henlein?"
"Ja, meine Brille, ich glaube, ich werde alt."
Henlein stieg die Treppe zu seinem Büro hinauf. Er schloss die Tür auf und schaute zu seinem Schreibtisch. Da fiel ihm der bläuliche Lichtschein auf.
"Was ist das?"
Der Bildschirm von seinem Computer leuchtete. Verwirrt schaute Henlein auf den Monitor und traute seinen Augen nicht. Das Gesicht des Busfahrers der Linie 60, mit der er jedem Abend nach Hause fuhr, blickte ihm entgegen.
"Willy Nickmann, was machen Sie denn in meinem Computer?" fragte Henlein.
Der Busfahrer sah ihn entrüstet an und antwortete: "Sie haben den Bus verpasst, Herr Henlein. Warum haben Sie das getan? Sie sind es mir schuldig, mit meinem Bus zu fahren. Sie sind schuld an allem, was jetzt passiert!"
Henlein stand der Schweiß auf der Stirn. Was meinte der Busfahrer damit? Was sollte denn passieren und warum sollte er schuld daran sein? Plötzlich schloss sich die Tür des Busses und er konnte Willy Nickmann nicht mehr sehen. Der Bus fuhr los - ohne ihn!
Henlein erkannte die gewohnte Strecke, die der Bus jetzt ohne ihn zurücklegte. An den drei Haltestellen, die vor seiner kamen, stiegen die gleiche Leute aus, wie immer. Dann kam seine Haltestelle, aber der Busfahrer hielt nicht an. Im Gegenteil, er fuhr immer schneller. Er raste durch die Straßen, überholte die anderen Fahrzeuge, hielt auch nicht an der roten Ampel an.
Henlein hörte, wie die Fahrgäste im Bus schrien, aber der Busfahrer gab immer mehr Gas. Die Bäume und Häuser flogen nur so an ihm vorbei. Jetzt erkannte Henlein endlich, wohin es der Busfahrer so eilig hatte. Er war durch die Goethestraße gerast, mit Karacho links in die Nordallee eingebogen und dann nochmals links in die Lindenstraße. Henlein erkannte sein Haus mit der Nummer 22. Der Bus fuhr genau daraf zu. Er überfuhr den Bürgersteig, raste durch den gepflegten Vorgarten und zermalmte dabei die Rosen. Bis zum Haus waren es noch genau drei Meter, aber der Busfahrer bremste nicht ab. Plötzlich erlosch der Bildschirm.
Henlein war auf seinen Stuhl gesunken. Hatte ihm sein Computer einen Streich gespielt? Hatte er alles nur geträumt? Oder war er gar verrückt geworden?
Wie in Trance erhob er sich, verließ sein Büro und stieg die Treppe nach unten. Im Haus war alles still, der Pförtner war bereits nach Hause gegangen. Henlein klinkte an der Tür - abgeschlossen!
Henlein war am Verzweifeln. Hatte der Pförtner ihn vergessen oder absichtlich eingesperrt? Er wuste doch, dass Henlein noch einmal in sein Büro gegangen war. Wie sollte er jetzt das Haus verlassen?
Henlein schaute auf seine Uhr. Schon eine halbe Stunde war er über der Zeit. Er kam mit seinem Tagesplan ganz durcheinander. Was konnte er tun?
Vorsichtig zog er an der Schranktür hinter der Pförtnertheke. Die Tür ließ sich öffnen und er hängte seinen Büroschlüssel hinein. Dann untersuchte er die anderen Schlüssel, aber der Schlüssel zur Eingangstür war natürlich nicht da. Den hatte der Pförtner mitgenommen. Den Zweitschlüssel hatte Herr Doktor Lenz, der Generaldirektor. Henlein überlegte. Er musste den Pförtner zu Hause anrufen, damit dieser zurück kam und ihn heraus ließ. Mit dem Zentraltelefon des Pförtners kannte er sich jedoch nicht aus.
Noch einmal nahm er seinen Büroschlüssel aus dem Schrank, stieg die Treppe empor und ging auf sein Büro zu. Da hörte er einen Hilfeschrei aus einem der anderen Büros. War es da einem Kollegen so ähnlich ergangen, wie ihm?
Er lief auf die Tür zu aber diese war verschlossen. Vorsichtig blickte er durch das Schlüsselloch. Es war finster im Raum, nichts bewegte sich. "Ich muss mich getäuscht haben, hier ist niemand mehr", sagte Henlein zu sich selbst, drehte sich um und schaute wieder auf seine Uhr. Weitere zwanzig Minuten waren vergangen. Wo war die Zeit hin? Henlein hatte das Gefühl, die Zeiger rasten nur so über das Zifferblatt. Er steckte den Schlüssel in das Schloss seiner Bürotür, da hörte er wiederum einen Hilfeschrei aus dem Nachbarbüro.
Vor Schreck ließ er seine Aktentasche fallen und hielt den Atem an. Dann besann er sich, dass vielleicht jemand seine Hilfe brauchte.
Er sprang nach unten und holte den Schlüssel des Nachbarbüros aus dem Schrank. Dann eilte er nach oben und drückte vorsorglich sein Ohr an die Tür. Nichts war zu hören.
"Ich glaube, meine Nerven spielen mir einen Streich. Es ist ja auch kein Wunder, ich bin schon eine Stunde länger im Haus. Ich muss jetzt endlich raus hier." Er wandte sich wieder seinem eigenen Büro zu, da ertönte zum dritten Mal der Hilfeschrei.
"Nein, nein, nein, es ist doch nicht zu fassen! Will mich hier jemand foppen, oder mich am Gehen hindern? Na, dem werde ich was erzählen!"
Entschieden schloss er die Tür des Nachbarbüros auf. Er trat einen Schritt hinein und - befand sich plötzlich am Ufer eines reißenden Flusses. Fast wäre er ins Wasser gestürzt. Erschreckt sprang er einen Schritt zurück undstand wieder vor der Tür des dunklen Büros.
Jetzt schlotterten ihm richtig die Knie. "Was war denn das? Bin ich im falschen Film?"
Schon wollte er die Tür wieder schließen, da hörte er erneut den Hilfeschrei. Jetzt kam er ganz deutlich von links aus dem Raum. Vorsichtig spähte Henlein um die Ecke, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn aber nicht. Wieder machte er einen Schritt durch die Tür, wieder befand er sich am Ufer des Flusses. Links, etwa fünf Meter von ihm entfernt, klammerte sich ein junger Mann an den Kiel eines gekenterten Boote, welches mit einem Strick an einem Baum am Ufer befestigt war. Der junge Mann war völlig erschöpft, er war nicht instande, sich aus eigener Kraft an Land zu ziehen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis er vor Schwäche den Halt verlor und vom Fluss verschluckt würde.
Das ist doch Kai, der Junge von oben drüber!-
"Kai, Kai!" rief Henlein. "Was ist passiert? Wie kommt das alles hier ins Büro?"
Henlein machte einen Schritt auf den Baum zu, um das Boot am Seil ans Ufer zu ziehen, da hupte es hinter ihm. Er fuhr herum. Da stand sein Bus, die Linie 60 und Willy Nickmann schaute heraus.
"Herr Henlein, nun steigen Sie schon ein. Verpassen Sie nicht noch einmal den Bus, sonst passiert tatsächlich noch ein Unglück!"
Henlein sah auf seine Uhr, dann auf Willy Nickmann, machte einen Schritt auf ihn zu und blieb stehen. Nein, das konnte er nicht tun. Er konnte doch den Jungen nicht ertrinken lassen. Und die Zeit eilte ihm davon. Er kam ins Schwitzen.
Eigentlich ging ihn der fremde Junge ja nichts an. Henlein hatte sich noch nie um fremde Leute gekümmert. Das hatte ihm sogar schon mal das Leben gerettet. Wenn er nur daran dachte, wie er diesen schrecklichen Unfall auf der Landstraße miterleben musste. Dieses Auto hatte gebrannt und die junge Frau hinter dem Steuer schien eingeklemmt zu sein. Aber Henlein hatte keine Zeit, zu helfen. Er musste zu einem Termin und durfte sich nicht verspäten.
Am nächsten Tag las er in der Zeitung folgende Schlagzeile:
"Junger Mann versuchte, Frau aus brennendem Auto zu retten. Dabei explodierte das Fahzeug. Beide Personen tot"
"Nun kommen Sie schon, ich habe nicht den ganzen Abend Zeit", sagte Willy Nickmann.
"Hilf, Hilfe!" schrie der Junge.
"Ich kann nicht mitfahren", sagte Henlein und drehte dem Bus den Rücken zu. Er rannte am Ufer entlang, hin zum Baum und zog an dem Seil. Dabei hörte er, wie sein Bus davon fuhr und Willy Nickmann rief: "Sie sind schuld an allem, was passiert!"
Aber Henlein ließ sich nicht beirren und zog am Seil. Er zog und zog und plötzlich krachte es. Funken spritzten, Henlein war auf den Hintern gefallen. Wieder war es finster um ihn herum. Auf allen Vieren krabbelte er zur Wand und tastete nach oben. Dann hatte er endlich den Lichtschalter gefunden und drückte darauf. Er sah sich um. Das Seil, an dem er gezogen hatte, war das Kabel vom Computerbildschirm gewesen. Und was da so gekracht hatte, das war der Monitor. Er lag zerborsten neben dem Schreibtisch.
Henlein schüttelte sich, ihm war schlecht. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
"Ich glaube, ich muss mich übergeben." Henlein hielt die Hand vor den Mund und stürzte zur Toilette. Er riss die Tür auf und - stand plötzlich in einem Park. Es dunkelte bereits, die Wege waren menschenleer. Hintereinem Gebüsch hörte er jedoch ein ziemlich eindeutiges Geräusch. Heisere, keuchende Laute drangen an sein Ohr und dazwischen eine weinerliche Stimme.
Sein Brechreiz war wie weggeblasen. Vorsichtig schaute er hinter die Zweige und gewahrte ein Pärchen, welches in einer seltsamen Umarmung am Boden lag. Er wollte sich schon diskret zurückziehen, da hörte er, wie das Mädchen hervor presste; "Bitte nicht, tun Sie mir nichts. Bitte lassen Sie mich gehen." Und der Mann keuchte: "Halts Maul und stell dich nicht so an!"
Die Stimme des Mädchens kam ihm bekannt vor. Er spähte noch einmal hinter das Gebüsch. Natürlich, das war doch die Madeleine! Was machte ein fünfzehnjähriges Mädchen hier zu abendlicher Stunde mit einem Mann im Park?
Henlein wurde bewusst, dass hier kein Liebespaar lag und er dem Mädchen helfen musste. Plötzlich spürte er, wie ihm von hinten auf die Schulter geklopft wurde. Er drehte sich um. Da stand der Hausmeister des Bürogebäudes mit einer schwarzen Maske über den Augen und einem Koffer in der Hand. Er hielt Henlein den Koffer vor die Nase und sagte; "Wollen Sie Werkzeug kaufen? Brauchen Sie Nachschlüssel, Eisensägen, Schneidbrenner? Schauen Sie, mit diesem Universalschlüssel lässt sich jede Tür öffnen."
Henlein überlegte. Das war die Gelegenheit, aus dem Bürogebäude heraus zu kommen. Er musste den Pförtner nun nicht mehr anrufen.
Schon hielt er die Hand auf, da vernahm er wieder die weinerliche Stimme des Mädchens: "Hören Sie auf. Sie tun mir weh.Bitte! Ich schreie um Hilfe!"
Und der Mann sagte: "Noch ein Ton und ich tu dir wirklich weh."
Henlein schaute auf die Uhr. Es war halb neun. Um diese Zeit machte er sich normalerweise bereits bettfertig.
"Wollen Sie nun den Universalschlüssel?" fragte die Stimme hinter der Maske. "Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit."
"Hilfe, Hilfe" rief das Mädchen.
"Tut mir leid", sagte Henlein und wandte sich dem Gebüsch zu. Er packte den Kerl beim Kragen und zog ihn hoch.
"Blödmann", sagte der Hausmeister. "Selbst dranSchuld ."
Henlein war kein Schläger, aber er hatte als Junge ziemlich gut Fußball gespielt. Zutreten konnte er. Und er trat dem Kerl mehrmals in den Hintern. Es krachte und schepperte. Henlein hatte sich ziemlich wehgetan. Was hatte der Kerl doch für harte Knochen. Henlein wurde kurz schwarz vor Augen, so schmerzte ihn sein Fuß. Als sein Blick wieder klar wurde, sah er das zerbrochene Toilettenbecken vor sich.
Jetzt musste er sich tatsächlich übergeben und schaffte es gerade noch bis zum Waschbecken. Völlig mit den Nerven am Ende humpelte er in sein Büro. Er wollte die Tür aufschließen, da zog sie sich plötzlich vor ihm zurück und er fasste ins Leere.
Henlein taumelte gegen die Wand und sank zu Boden. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so schlecht gefühlt. Er legte seine zitternden Hände vors Gesicht und begann zu weinen. Nach diesen mysteriösen Vorfällen, bei denen er doch nur versucht hatte zu helfen und dabei mehr Schaden als Nutzen anrichtete, konnte es nicht schlimmer kommen.
Was hatte er nur falsch gemacht? Wieso passierte ausgerechnet ihm das alles? Er war doch ein akkurater Mann, der mit beiden Beinen auf der Erde stand und mit offenen Augen und geschultem Geist durchs Leben ging. Wofür rächte sich das Schicksal so bitter an ihm? Er hatte sich doch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Oder doch?
Ihm fiel die Frau in dem brennenden Auto ein. Hätte er sie vielleicht doch retten können? War das Fahrzeug vielleicht nur explodiert, weild der junge Helfer viel zu spät am Unfallort war? Hatte Henlein zwei Menschenleben auf dem Gewissen?
So ein Unsinn! Wie konnte er nur so etwas denken? Er griff in seine Hosentasche, zog sein Taschentuch hervor und wischte seine Tränen ab. Dabei fiel sein Blick auf das gestickte Monogramm in der Ecke des Tuches. Seine Schwester hatte ihm eine ganze Reihe dieser Taschentücher selbst gefertigt und ihm zum bestandenen Examen geschenkt.
Warum war Sibylle nur so Hals über Kopf zu diesem Mann gezogen? Es hätte so schön sein können. Sie arbeitete als Verkäuferin im ALDI, hatte eine geregelte Arbeitszeit und konnte sich abends um den Haushalt kümmern. Wenn er vom Dienst nach Hause kam, war das Bett gemacht, die Wohnung geputzt und das Essen stand auf dem Tisch. Es war doch alles perfekt.
Er hätte ihr von Anfang an nicht gestatten dürfen, in diesen Jugendclub zu gehen, dann hätte sie Peter niemals kennen gelernt und die Welt wäre in Ordnung. Aber von da an gab es zwischen den Geschwistern Unstimmigkeinten. Plötzlich hatte sie keine Zeit mehr für ihren Bruder, missachtete seine Befehle und ging ihre eigenen Wege.
"Du bist ja bloß neidisch, weil ich glücklich bin", hatte sie damals zu ihm gesagt. Heimlich hatten sich die Beiden dann verlobt, Henlein hätte niemals seine Einwilligung dazu gegeben. Und als sie ihm eines Tages dann mitteilte, dass sie heiraten will, kam es zum größten Krach in Henleins bisherigem Leben. Gekränkt packte Sibylle danach ihre Sachen und verließ ihn. Zwei Jahre hatten sie keinen Kontakt miteinander. Bis ihr Brief kam, in dem sie ihn zur Taufe ihres ersten Sohnes einlud. Er konnten nicht "nein" sagen und dann lernte er Peter endlich kennen. Er war ein ordentlicher, gutmütiger Mann, hatte von seinen Eltern auf dem Lande einen Lebensmittelladen übernommen und arbeitete mit Sibylle hart. Sie hatten sich ein Häuschen gekauft und lebten glücklich miteinander. Henlein konnte nicht länger böse sein.
Vielleicht war er ja nicht ganz unschuldig daran, dass sie damals so Hals über Kopf das Haus verließ. Möglicherweise war er ja zu streng mit ihr. Hatte er sie vielleicht hinaus geekelt?
Wenn er sie heutzutage besuchte und das Gespräch darauf kam, deutete sie ihm manchmal so etwas an. Und dann bat sie ihn immer wieder, nicht so streng mit ihren Kindern zu sein. Sie wären so ein straffes Regiment nicht gewöhnt. Wenn er es ehrlich zugab, war es ihm auch schon aufgefallen, dass die Kinder ihn nach den vier Wochen viel herzlicher verabschiedeten, als sie ihn begrüßt hatten. Sie waren wohl jedesmal froh, wenn er wieder weg fuhr.
War er denn wirklich so ein Ekel? Hatte er ein Herz aus Stein? Musste immer alles nach seinem Kopf gehen? Nahm er sich wirklich nie die Zeit, sich die kleinen und großen Sorgen seiner Mitmenschen anzuhören?
Wie war das mit den Kollegen? Was wusste er von Ihnen? Eigentlich nichts!
Am Anfang hatten sie ihn noch zu den geselligen Betriebsfeiern eingeladen. Er hatte immer dankend abgelehnt. Heute setzte sich nicht einmal zur Mittagspause jemand zu ihm an den Tisch in der Kantine. Wieso war ihm das nie aufgefallen?
Keiner wollte mehr etwas von ihm wissen, keiner sprach ihn an, wenn es nicht gerade geschäftlich notwendig war. Privat hatte er zu niemandem Kontakt. Er war ganz allein!
Henlein erhob sich und strich seinen Anzug glatt. Entschlossen trat er auf die Tür seines Büros zu. Wenn er wieder hier heraus kam, sollte sich so einiges in seinem Leben ändern. Es konnte doch nicht so schwer sein, seinen Mitmenschen freundlich und hilfreich gegenüber zu treten. Und was ist schon dabei, wenn er mal irgendwo eine halbe Stunde länger verweilte? Davon ging die Welt nicht unter.
Fest drückte er auf die Türklinke und sperrte dabei das Schloss auf. Beherzt öffnete er die Tür und - betrat plötzlich die Wohnung seiner Nachbarin Kathrin Wagner. Er schaute sich um. Die Wohnung glich der seinen, nur die Zimmer waren genau seitenverkehrt angeordnet. Aus einem der Räume war ein leises Weinen zu hören. Er ging dem Geräusch nach und stieß die angelehnte Tür auf. Kathrin saß auf dem Sofa und hatte den Kopf in ihren Händen vergraben, genau wie Henlein vor einigen Minuten noch. Ein paar Sekunden wusste Henlein nicht, was er tun sollte. Schon wollte er sich diskret zurückziehen, da hob Kathrin plötzlich den Kopf und starrte ihn entgeistert an. "Wie kommen Sie hier herein?"
Henlein machte einen Schritt auf sie zu. "Entschuldigen Sie - die Tür war nur angelehnt. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"
Kathrins Erstarrung löste sich. Sie lächelte schwach und schaute ihn traurig an. Dann sagte sie: "Nehmen Sie doch Platz."
Sie rückte etwas zur Seite und Henlein setzte sich neben sie auf die Kante des Sofas. Er saß ganz aufrecht und steif da und wusste nicht mit seinen Händen wohin. Dann faltete er sie und klemmte sie zwische seine Knie. Er blickte Kathrin von der Seite an und betrachtete ihre hohe Stirn, die schmale gerade Nase und die vollen Lippen, die jetzt allerdings ziemlich blutleer schienen. Sie richtete ihre graugrünen Augen auf Henlein, runzelte die Stirn und fragte: "Wollen Sie etwas trinken?"
Henlein hatte die Worte zwar gehört, war aber nicht in der Lage, seinen Blick von ihrem Gesicht zu lösen, geschweige denn, zu antworten. Sie war wunderschön. Wieso war ihm das nie aufgefallen?
Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte: "Herr Henlein?"
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie ihn etwas gefragt hatte. "Nein danke, ich möchte nichts trinken. Aber wenn Sie mit jemandem reden möchten, ich bin für Sie da."
Kathrin nickte und starrte die Tischplatte an. Eine Weile sagte sie gar nichts. Doch dann fing sie stockend an, zu erzählen. Sie berichtete von ihren Eltern, die vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben kamen. Dann kam sie auf ihren Freund zu sprechen, den sie immer nur Dienstags und Donnerstags in einem Hotel treffen konnte, weil er dann dienstlich hier in der Stadt zu tun hatte. Er besuchte sie nie in ihrer Wohnung und lud sie auch nie zu sich nach Hause ein. Am Anfang machte ihr diese heimlichtuerei noch Spaß. Es war ein besonderes prickelndes Gefühl, wenn sie sich trafen. Er legte ihr den Himmel zu Füßen, aber nur Dienstags und Donnerstags. Dann wurde Kathrin schwanger und sagte es ihm. Sie war sich sicher, jetzt würde er sich offiziell zu ihm bekennen. Aber plötzlich blieb er auch an diesen beiden Tagen fern. Als sie nachforschte, wurde sie mit der Tatsachse konfrontiert, dass er sie nur ausgenützt hatte. Er hatte ihr eine riesige Hotelrechnung hinterlassen. In Wirklichkeit hatte er auch einen anderen Namen, war verheiratet und hatte keinerlei Interesse an einer Verbindung mit ihr. Kathrin regte sich so auf, dass sie ihr Kind verlor. Jetzt saß sie auf einem Berg Schulden und wusste nicht mehr aus noch ein.
Als Kathrin geendet hatte, vergrub sie wieder ihr Gesicht in den Händen. Erneut schüttelte sie ein Weinkrampf.
Henlein brannte Empörung in seiner Seele. Wie konnte der Mistkerl diesem so wunderschönen Wesen nur so etwas antun? Sie war so zart und zerbrechlich. Vorsichtig legte Henlein seinen Arm um die Schulter der jungen Frau und drückte sie leicht an sich. "Verlieren Sie nicht den Mut. Es gibt immer einen Ausweg. Der Kerl hat Sie gar nicht verdient. Vergessen Sie ihn. Es gibt andere Männer, die glücklich wären, eine Frau wie Sie zu haben."
Erstaunt schaute sie Henlein von der Seite an. "Meinen Sie etwa sich damit?"
Henlein dachte eine Weile über seine Worte nach. Dann sagte er: "Warum denn nicht? Oder bin ich zu alt für Sie?"
Kathrin lächelte: "Wie alt sind Sie denn?"
"Ich bin fünfundvierzig."
Kathrin schüttelte ihren Kopf. "Dann sind Sie achtzehn Jahre älter als ich!"
Henlein schaute sie verdutzt an und rechnete kurz. Dann entgegnete er: "Es gibt wesentlich größere Altersunterschiede. Was wäre daran verkehrt? Sie sind allein, ich bin allein, wir sollten es einfach versuchen. Mehr als schiefgehen kann es nicht. Aber eins versprechen ich Ihnen, ausnützen werde ich Sie ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil, jetzt werde ich ertmal Ihre Schulden bezahlen und dann machen wir Urlaub. Wir können alle Beide einen Tapetenwechsel vertragen. Was halten Sie davon?
Kathrin hatte ihre Tränen mit dem Blusenärmel abgewischt und schaute Henlein groß an. "Sie meinen es tatsächlich ernst. Aber ich kann kein so großes Geschenk von Ihnen annehmen. Doch wenn Sie mir das Geld borgen könnten, wäre ich ihnen dankbar. Ich zahle auch gewiss alles zurück."
"Na gut", sagte Henlein, "wenn es Sie glücklich macht. Und der Urlaub? Fahren Sie mit mir an die Reviera? Ich würde mich riesig darüber freuen."
Jetzt strahlte Kathrin ihn an und schlang ihre Arme um seinen Hals. "Ich mich auch."
Plötzlich ging das Licht an. Der Pförtner stand hinter Henlein und wunderte sich, warum dieser auf seinem Stuhl saß und einen Aktenordner an seine Brust drückte.
"Herr Henlein, entschuldigen Sie. Ich habe schon geschlafen, da bin ich plötzlich aus dem Traum hochgeschreckt und mir fiel ein, dass ich Sie im Gebäude eingeschlossen habe. Meine Frau schimpfte, weil ich sie nachts um drei Uhr geweckt habe, aber ich kann Sie doch nicht die ganze Nacht hier eingesperrt lassen. Kommen Sie, es wird schon bald wieder hell. Sie brauchen doch ihren Schlaf, ich fahre Sie schnell nach hause, damit Sie morgen wieder pünktlich hier erscheinen können."
Henlein sah stirnrunzelnd auf den Aktenordner, legte diesen dann auf seinen Schreibtisch, schrieb einen Zettel und legte diesen daneben. Dann blickte er den Pförtner ernst an.
"Danke, aber das ist nicht nötig. Ich brauche jetzt etwas frische Luft. Mir sind hier einige Dinge passiert, die ich erst einmal verdauen muss.
Und dann stand er auf und zeigte dem Pförtner die Verwüstungen, die er angerichtet hatte.
Der Pförtner schüttelte bedenklich den Kopf und fragte: "Soll ich Sie vielleicht lieber in ein Krankenhaus bringen?"
Henlein schüttelte wieder den Kopf. "Ich verstehe Sie gut. Sie müssen denken, ich bin verrückt geworden. Aber sehen Sie, ich weiß genau, was passiert ist, ich weiß nur nicht, warum. Aber ich werde selbstverständlich die Konsequenzen tragen. Hier habe ich einen Scheck ausgefüllt, für die Reparaturen. Und hier lege ich noch einen Urlaubsantrag daneben. Mir ist heute Nacht so manches klar geworden. Sagen Sie bitte morgen Bescheid, dass ich nicht kommen werde, ich habe einiges zu regeln. Und ich bin mir sicher, dass mir nach diesen Vorfällen vier Wochen Urlaub genehmigt werden."
Henlein legte dem erstaunten Pförtner die Hand auf die Schulter und verließ dann nach diesem das Bürogebäude.
"Vielen Dank für Ihr Angebot, aber ich werde zu Fuß gehen. Ich habe über vieles nachzudenken."
Henlein wanderte über vier Stunden durch die Stadt. Er wanderte hinaus zum Fluss und sah Kais Boot friedlich vertäut an der Anlegestelle liegen. Er wanderte durch den Park und schaute hinter jedes Gebüsch. Alles war ruhig, kein Mensch rief um Hilfe. Die Anspannung fiel langsam von Henlein ab. Schon fast fröhlich kam er am Haus Nummer 22 in der Lindenstraße an. Er schloss die Haustür auf und stieg die drei Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Da hörte er aus der Nachbarwohnung ein leises Weinen. Die Tür war nur angelehnt und er ging hinein. Da saß Kathrin Wagner auf ihrem Sofa, das Gesicht in den Händen vergraben.
"Entschuldigen Sie - die Tür war nur angelehnt, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"
Kathrin fuhr erschrocken auf, dann lächelte sie schwach und schaute ihn traurig an. Mit leiser Stimme sagte sie: "Nehmen Sie doch Platz."
 
 
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