Geschichte![]()
Meine Frau Helga war die erste auf den Beinen. Sie weckte uns um vier Uhr. Jana, unsere Kleine, war schon seit Tagen aufgeregt. Heute Nacht hatte ihre Freundin Lisa bei uns geschlafen, denn sie wollte unbedingt mit. Wir saßen alle beim Frühstück, da kam auch endlich unsere Große ,"Nadine - die Schlafmütze" aus ihrer Kemenate. Fünf Uhr fuhren wir los. Gleich hinter unserem Dorf geht es in den Wald hinein. Die Wege kennen wir alle ganz genau, denn wir sind sie schon hundertmal gefahren. Aber diesmal sollte alles ganz anders werden. Schon nach zweihundert bis dreihundert Metern änderte sich plötzlich der Weg. Die Bäume traten zusammen, sie nahmen an Umfang zu, der Himmel bedeckte sich mit einem grünlichen Schleier und die Sonne wurde blassrosa. Wir hielten an und schauten uns um. Es war eine bedrohliche Stimmung eingetreten, die Vögel hörten auf zu singen, nur ein einsames Käuzchen erhob seine schaurige Stimme. Am liebsten wären wir umgekehrt. Wir konnten uns den Wandel nicht erklären und wir erkannten unseren Wald nicht wieder. Aus unserem breiten Weg war ein schmaler Pfad geworden, düstere knorrige Eichen standen da, wo noch vor kurzem schlanke Fichten in den Himmel ragten. Und dann kam dieser Wind auf. Erst ganz sacht und flüsternd, dann zunehmend und singend. Jana bekam Angst und fing an zu weinen. Wir stellten uns alle ganz dicht zusammen und hielten unsere Räder fest, denn nun war der Wind zu einem Orkan angeschwollen, der brüllend an unseren Haaren und Kleidern zerrte. Schemenhafte Gestalten bewegten sich durch die Luft. Sie berührten uns wispernd. Es war, als wenn einen eine feuchte Spinnwebe am Gesicht entlang streift. Lisa schrie auf. Das Wispern wurde stärker und zwischendurch erklang ein leises Lachen. Minutenlang waren wir eingehüllt von Schwaden grünlichem Nebels. Auf einmal wurde Nadine hochgehoben und durch die Luft getragen. Ihr Fahrrad fiel polternd um. Wie von Geisterhänden gestützt, saß sie plötzlich auf dem untersten Ast der Eiche. Ihr Rücken lehnte - in der Luft. Sie lag wie in einem Schaukelstuhl auf dem schmalen Ast und fiel doch nicht herunter. Der Schock lähmte ihre Stimme und sie starrte mit Grauen in den Abgrund. Helga rannte schreiend zu dem Baum, aber sie konnte den Ast nicht erreichen. Jana und Lisa hielten sich zitternd und weinend in den Armen. Auf ihren Köpfen saß ein Zwerg und hielt sich an ihren Haaren fest. Er lachte und die beiden Mädchen konnten sich nicht rühren und ihn nicht abschütteln. Ich war festgewachsen. Krampfhaft hatte ich versucht, alle Fahrräder festzuhalten, aber nun merkte ich, dass das nicht nötig war. Sie standen da, wie angeschmiedet und ich ließ sie los. Verzweifelt versuchte ich einen Schritt in Richtung der Kinder. Es war unmöglich. Meine Füße steckten bis zu den Knöcheln in der Erde und ich konnte sie nicht herausziehen. Meine Frau schrie wie verrückt und versuchte, an Nadine heranzukommen, indem sie in die Luft sprang. Mitten im Sprung erfasste sie ein Schatten, trug sie fort zu einem anderen Baum und setzte sie mitten in eine Astgabel. Ihre Stimme versagte. Plötzlich erklang das Gebell eines Hundes. Die Luft klarte auf, der Himmel wurde wieder blau und die Sonne schien golden vom Firmament. Vom Dorf her hörten wir die Kirchturmuhr "Sechs-Uhr-Läuten." Aus den Eichen waren wieder Fichten geworden, der Weg war breit und wir alle standen im Kreis und hielten unsere Fahrräder fest. Ein gelbes Knäuel jagte uns entgegen und dann sprang Bonzo freudig bellend an unseren Beinen empor. Der Bann war gebrochen. War alles nur ein böser Traum? Aufatmend bestiegen wir unsere Räder und setzten den Familienausflug fort. Bonzo begleitete uns. Lachend schworen wir uns, einen Ausflug nie wieder in der Hexennacht zu beginnen. Kommentare![]()
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