Geschichte![]()
Ich fuhr mit meinem Finger die Linien seines Gesichtes nach. Seine Haut fühlte sich flauschig an, als ob tausend kleine, unsichtbare Härchen meine Fingerkuppen kitzelten. Sein Lächeln verstärkte sich. Er drehte sich halb zu mir und lächelte mich an. Dann küsste er meine Fingerspitzen. Ich schlang meine Arme um ihn und sog seinen würzigen Duft ein. Mein Herzschlag verdoppelte sich innerhalb zwei Sekunden. Mit geschlossenen Augen vergrub ich meine Nase in seinem Haaransatz und küsste ihn auf den Hals. Dann kaute ich an seinem Ohrläppchen und spürte, wie seine Hand durch mein Haar fuhr. Er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und blickte mich mit halbgeschlossenen schwarzen Augen an. Dann drückte er, ganz langsam, seine Lippen auf meinen Mund. Seine Zunge fuhr zwischen meine Zähne und stieß mit meiner zusammen. Ich saugte mich an ihm fest. Mein ganzer Körper wogte ihm entgegen, unsere Hände trafen sich auf meinem Bauch. Ich erzitterte heftig, als er mit einem kleinen Schwang auf mir lag. Und dann spürte ich ihn in mir, erst langsam, dann immer schneller und kraftvoller. Ein leiser Aufschrei von mir und ein befreites Aufatmen von ihm fielen fast zusammen und eine wohlige Glückseligkeit machte sich in mir breit. Sein Kopf ruhte auf meinem Arm und er lächelte. Die Sonne schien golden auf uns herab und ein leichter Wind kühlte unsere erhitzten Körper. Jasminduft lag in der Luft, Vögel jubilierten. Jetzt nahm ich die Umgebung um mich herum wahr. Ich war nicht mehr so gefangen von diesem Mann, der noch vor einer Stunde einen heftigen Streit mit seiner Freundin hatte. Er war wütend und zerknischt in den Garten hinaus gelaufen und ich hinter ihm her. Ich weiß nicht warum, aber er tat mir auf einmal leid. Sabine war meine beste Freundin. Wir kannten uns eine Ewigkeit, saßen schon in der ersten Klasse nebeneinander. Wir tauschten unsere Blusen und Röcke, ließen keine Disko aus und heulten uns gegenseitig die Ohren voll, wenn wir unglücklich waren. Vor acht Monaten lernte Sabine Diego kennen. Sie war verknallt, wie noch nie. "Er ist Italiener und so süß. Und tanzen kann er." Sie schaute mich verträumt an, als hätte sie ihre Umgebung vergessen. "Und was kann er noch?" Ich wollte sie ein bisschen foppen, aber sie merkte es nicht. "Er ist einfach fantastisch." "Sag bloß, ihr habt schon miteinander ...?" Sie schaute mich strahlend an, faltete die Hände von der Brust und drehte sich hin und her, wie ein kleines Mädchen. "Er ist der Richtige. Er oder keiner!" "Du bist verrückt. Was weißt Du von ihm? Was macht er? Wo kommt er her? Du kennst seine Familie nicht. Die Italiener haben ihre eigene Ansicht vom Zusammenleben." Ich redete mich in Rage. "Ach papperlapapp. Du gönnst ihn mir bloß nicht." Sie zog einen Schmollmund. Ich nahm sie bei der Hand und zog sie zum Sofa. "Komm, setz Dich, ich will Dir was erzählen. Ich kenne da eine Frau, die ist auch mit einem Italiener verheiratet. Sie hat es schon hundertmal bereut. Er behandelt sie, als wäre sie seine Leibeigene. Sie darf nicht alleine das Haus verlassen, tut sie es doch, macht er ihr riesige Szenen, wenn sie wiederkommt. Er unterstellt ihr, sie würde fremdgehen. Dabei hat sie sich nur eine Putzstelle gesucht, weil ihr Mann fast seinen ganzen Lohn auf den Fußballplatz trägt. Inzwischen ist es so schlimm geworden, dass er seine Arbeit gekündigt hat, nur um sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Sie weiß nicht mehr, wovon sie sich und die zwei Kinder ernähren soll. Er will auch nicht, dass sie putzen geht. Und er schlägt sie." Sabine ließ sich nicht von mir beeindrucken. "Ich fahre mit ihm in Urlaub, nach Italien. Da lerne ich seine Familie kennen!" Sie fuhren im Mai und blieben vier Wochen dort. Als sie zurückkamen, waren sie verheiratet und Sabine war schwanger. Und sie war eine Andere. Ich kannte sie nicht wieder. Vorbei war es mit Küsschen und Streicheln und Händchen halten, kein zärtliches Wort. Sabine knurrte Diego nur noch an. Er konnte tun und lassen, was er wollte, sie behandelte ihn wie einen Leibeigenen. An Sabines Geburtstag eskalierte dann die Sitaution. Sie saß in ihrem Sessel und tat gar nichts, ausser, ihn herum zu kommandieren. "Hol mit dieses, bring mir jenes ...", und er sprang, wenn sie pfiff und tat alles für sie. Er wollte doch nur etwas Liebe von ihr. Er streichelte sie über den Kopf und wollte seine Hand auf ihren Bauch legen, um den Herzschlag seines Kindes zu fühlen. Aber sie schlug seine Hand weg. "Fass mich nicht an!" Da lief er mit Tränen in den Augen hinaus. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. "Wieso bist Du so ekelhaft zu ihm? Er hat Dir doch gar nichts getan!" Sie schaute mich mit einem vernichtenden Blick an. "Er hat es nicht anders verdient - geh ihn doch trösten!" Und ich lief hinter ihm her. "Diego!" Ich rief ihn, weil ich ihn in dem großen Garten nicht gleich entdecken konnte. Er saß hinter einer Jasminhecke auf einer Holzbank und weinte. Ich legte meinen Arm um ihn und er ließ seinen Kopf auf meine Schulter sinken. "Sei ihr nicht böse, sie ist schwanger, sie meint es nicht so!" Ich trocknete seine Tränen und er umarmte mich mit einer Leidenschaft, die mich erschreckte. "Sie liebt mich nicht mehr, ich komme nicht mehr an sie heran. Ich bin so unglücklich. Irgendjemand hat ihr eingeredet, alle Italiener seien Schweine, die ihre Frauen unterdrücken. Ich bin doch auch nur ein Mann, der ein bisschen Liebe braucht." Mit verschlug es den Atem. Ich war Schuld! Ich hatte ihr diesen Unsinn eingeredet. Und Sabine hat einfach den Spieß umgedreht. Sie würde sich niemals unterdrücken lassen. Und wieder tat ich genau das Falsche. Ich schlief mit ihm. Auf seinem Gesicht war ein glückliches Lächeln. Aber wem war damit geholfen? Kommentare![]()
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