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Foto von Leonore Enzmann

Höhenflüge

Leonore Enzmann, 11. Juli 2006
Tina Wulf kam am frühen Morgen beschwippst nach Hause und legte eine Rockplatte auf. Die Musik dröhnte durchs Haus. Winni fing an zu weinen. Tina ließ sich aufs Bett fallen und wippte mit den Beinen im Takt. Mit heiserer Stimme gröhlte sie den englischen Text und zündete dabei eine Zigarette an. Jetzt schrie Winni schon lauter. Tina sprang hoch und tanzte bis zum Schrank mit der Spiegeltür. Rhythmisch ließ sie ihr dunkelblondes, schulterlanges Haar mit dem tizianroten Schimmer kreisen und begann sich zu entkleiden. Jacke, Bluse und Rock landeten auf dem Boden, den BH schwenkte sie am Träger über den Kopf, in hohem Bogen flog er auf das Fensterbrett. Abwechselnd zog sie ihren Slip mit dem linken und rechten Daumen einige Zentimeter an ihrer schmalen Hüfte herunter und nach zwei Takten wieder hoch. Das ging so drei bis vier mal hin und her, dann zog sie mit einem Ruck den Slip vollends aus und warf ihn hinter sich. Er landete im Kinderbettchen neben Winnis Kopf. Winni war inzwischen puterrot angelaufen, aber Tina tanzte weiterhin nackt durch das Zimmer.
Da flog die Tür auf und ihr Vater stand im Raum. Empört betrachtete er kurz seine unbekleidete Tochter, stürzte dann zur Hifi-Anlage und riss den Stecker heraus.
"Ja bist du denn von allen guten Geistern verlassen?" Seine Stimme überschlug sich. Er griff nach der Bettdecke und warf sie Tina über. Lachend fiel Tina auf ihr Bett und blickte ihren Vater herausfordernd an, ohne ihre Blößen zu bedecken. Plötzlich stand Heiner in der Tür. Er warf einen verächtlichen Blick auf seine Frau, sagte kein Wort, ging zum Kinderbett, nahm die vier Wochen alte Winni heraus und trug sie nach unten in die Küche.
"Jetzt zieh dir endlich etwas an, du benimmst dich wie eine Hure!" Mit zitternden Fingern zog ihr Vater den Inhalator aus seiner Schlosserjacke hervor. Er nahm zwei kräftige Züge, danach ließ sein pfeifender Atem etwas nach. Bei jeder Aufregung bekam er einen Asthmaanfall.
"Wann wirst du endlich erwachsen? Wie alt bis du? Vierundzwanzig? Benimmst dich wie zehn! Was hab ich nur falsch gemacht? Deine Mutter würde sich im Grab umdrehen. Alles hast du angefangen - Mannequin - Schauspielerin. Du hättest einen anständigen Beruf lernen sollen. Aber nein, die Autowerkstatt war dir ja nicht gut genug, musstest nach München und diesen "Möchtegernschauspieler" heiraten, der dir die Flausen in den Kopf gesetzt hat. War doch von vorherein klar, dass das nicht lange gut geht."
Erschöpft setzte er sich auf einen Stuhl und strich mit seiner schwieligen Hand über sein schütteres Haar. Tina hatte inzwischen ihre Bettdecke über sich gedeckt und schaute rauchend aus dem Fenster. Diese Predigt kannte sie schon auswendig. Er tat jedesmal dasselbe: erst schreien, dann lamentieren, zuletzt abwinken und resigniert den Raum verlassen. Seit dem Tod ihrer Mutter vor zehn Jahren machte Tina, was sie wollte. Ihr Vater war in seiner Autowerkstatt täglich zwölf Stunden beschäftigt. Sie besaß mehr Freiheiten als ihre Altersgenossen und nützte diese gründlich aus. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse verließ sie ihre Heimatstadt Bad Tölz und ging als Mannequin nach München, leider ohne viel Erfolg. Dort lernte sie Giovanni Santoni kennen, der ihr eine kleine stumme Rolle in einem Film besorgte, in dem er selbst mitspielte. Sie heirateten, gingen beide fremd und trennten sich nach vier Monaten wieder. Sie ließ sich scheiden und kehrte ohne einen Pfennig in der Tasche nach Hause zurück.
"Als du zurückgekommen bist, dachte ich, du hast dich besonnen. Ich war glücklich, als du Heiner geheiratet hast. Er hat dich schon seit Jahren geliebt. Nur wegen dir hat er die Automechanikerlehre bei mir gemacht. Er ist ein ordentlicher, strebsamen Mann, der weiß, worauf es im Leben ankommt. Und jetzt, als Mechanikermeister, macht er seinen Kollegen etwas vor. Einen besseren Mann kann ich mir nicht wünschen - und du auch nicht!
Jetzt, wo ihr das Kind habt, solltest du endlich vernünftig werden und dich um die Familie kümmern, anstatt nur immer Tennis zu spielen, Discos zu besuchen und auf Partys herumzuhängen. Was bist du bloß für ein Mensch? Kannst du nicht einmal etwas Sinnvolles tun?"
Tina drückte ihre Zigarette aus und erhob sich. "Doch, Vater, ich habe mich entschieden. Ich bewerbe mich bei 'Deutschland sucht den Superstar'. "

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