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Geschichte
Was wäre ich für ein Buch? Wieder eine dieser Fragen: „Was wäre wenn…?“ Interessiert das überhaupt jemanden? Es gibt viele dieser Fragen. Wäre ich also ein Buch voller Fragen oder doch lieber einer von den – vor allem bei Frauen beliebten – kitschigen, schnulzigen Romanen? Ich bin ein Buch mit 1000 leeren Seiten, über mich ist so viel zu sagen und doch nichts. Alles so belanglos. Wer wäre schon gerne der Leser eines Buches, das vollkommen uninteressant ist. Keine Spannung, kein Horror, kein Blut, nichts von Action, Komödie oder Schnulz. Ich bin ein Reclam-Heft? Eines dieser gelben in Massen existierenden Bücher? Wenn man in einen Buchladen spaziert, dann springt einem das Regal mit nichts als gelben Buchrücken nur so entgegen. Sie sehen schon langweilig aus, haben oft schreckliche Titel und sind des Öfteren gerade mal so interessant wie die Kontaktanzeige eines im Sterben liegenden Uropas. Doch im Hintergrund des Buches, hinter den Wörtern spielt so viel mehr, doch erfassen können wir es nicht. Wir können und noch nicht einmal vorstellen, was das Buch uns sagen will. Wir können nur im Dunkeln tappen, in dem ab und zu ein Licht aufleuchtet, spärlich und viel zu matt um etwas zu erkennen. Es ist reine Glückssache, wenn man einmal das winzige Sandkorn findet, welches die Wahrheit beinhaltet. Ich bin kein Buch. In mir kann man nicht blättern und lesen was geschieht. Ich habe nicht vor der gesamten Menschheit meine Geschichte Preis zu geben und jeden an meinem Leben teilhaben zu lassen. Ich bin auch kein Magazin für Haus und Garten, Hund und Katze oder das Leben hier auf der Erde. Ich habe weder vor, die Welt mit meinen unnötigen Kommentaren zu belasten, noch, sie von meiner neuesten Errungenschaft zu unterrichten. Ich bin nicht zum vertreiben der Langeweile hier oder zur Belustigung. Ich habe mir nicht ausgesucht hier und jetzt zu leben. Ich wurde geschaffen – wie ein Buch. Der Unterschied liegt darin, dass ich nur einmal existiere. Mich gibt es kein zweites Mal, vielleicht eine billige Kopie. Aber mein Leben ist einmalig. Ich werde nicht irgendwann in ein Regal gestellt und verweile dort in alle Ewigkeit, bis man mich wieder findet und meine Geschichte von neuem beginnt. Ich werde in einen Sarg gelegt und unter die Erde verfrachtet, dort warte ich, dass ich verwese, verschwinde und vergessen werde. Das ist ein Ende ohne Neuanfang, es gibt kein zweites Mal, es existiert nicht die Möglichkeit mich auszugraben und noch einmal leben zu lassen. Vielleicht würden einige sagen: „Wenn sie ein Buch wäre, würde sie eine Sammlung von 500 Gedichten sein.“ Aber es ist nun mal anders. Ich bin keine Sammlung. Ich bestehe nicht aus Buchstaben, man kann mich nicht wahllos ändern. Aber es wäre möglich, dass wir alle ein Teil einer großen Geschichte sind, die wohl oder übel langsam dem Ende zugeht. Ich bin kein Buch, ich will keines sein. Ich will nicht, dass man in mir liest, will nicht, dass man alles weiß. Ich bin mein Geheimnis. Ich bin ich.
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