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Geschichte

 
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U-Bahnhaltestelle

sHadZziieh <3, 29. August 2008
So zu leben / so zu reden
wie du bist.
So zu sein / so zu tanzen
wie du willst.
So zu wollen / so zu schreien
wie du denkst.
So zu denken / so zu handeln
wie du träumst.
So zu weinen / so zu sterben
wie du liebst.
Ist das nicht das einzige
Das dir bleibt?


Er sitzt an der U-Bahnhaltestelle. Graue, grüne, schwarze Schatten rauschen an ihm vorbei. Die weiße Bank ist grau von der vorübereilenden Zeit geworden. Wie lange sitzt er schon hier. Wie lange schon sieht er die Züge vorbeirauschen. Wie lange schon fühlt er den leichten Wind, den Hauch einer frischen Nachtluft.
Was macht er hier. Wieso verbringt er seine Abende, jeden Tag nach der Arbeit hier an dieser Haltestelle. Sie ist nicht schön, nicht neu und auch nicht groß. Eine einfache Station in mitten einer überfüllten Großstadt. Mit all ihrem Trubel, ihrer Hektik, den lauten Stimmen, der Anonymität. Was macht er hier. Umringt von Menschen, die er nicht kennt. Die ihn nicht kennen. Neben ihm sitzen alte Menschen – die eh bald unter der Erde liegen, denkt er sich und sieht ab und zu in die Zeitung des fast-schon-toten Nebenmannes. Terror. Kriege. Hungersnöte. U-Bahnunglück. Gelangweilt blättert der alte Mann die nächste Seite auf. Feuilleton, schon besser. Ein prominenter an Drogenrausch gestorben, interessant. Nein, doch langweilig, schon bekannt. Nächste Seite: Politikverdrossenheit. Was interessiert das einen halbtoten Mann. Auf zum nächsten Bericht. Sexskandal im weißen Haus. Kennen wir zwar schon, aber Sex ist immer toll. Da macht es Spaß auch als Fast-Toter noch mal das Kleingedruckte zu überfliegen und die Augen lüstern über die Zeilen huschen zu lassen. Aber auch das wird mit der Zeit Routine. Langeweile. Alles eintönig. Er wendet sich von dem fast schon sichtbaren Grabstein auf dem Kopf des Alten und der Bahnhofstoilette zu. Mal wieder ein schneller Fick? Wer ist heute drin? Die Nutte steht fast jeden Abend hier. Vielleicht sollte er sie auch mal ansprechen. Die macht’s mit jedem – für Geld, versteht sich. Kennt man schon.
Hatte sie auch Langeweile, oder hat sie der Nutte zugeschaut und dabei ihre Umgebung vergessen?
Neue Leute steigen aus dem nächsten Zug. Er sieht sie sich an. Große, schlanke Herren in Anzügen und Krawatten. Der Ausländer da hat einen Koffer. Kofferbombe? Nein, was Neues bitte. Die Frau ist hübsch. Kurzer Rock, trotz der Kälte da draußen, lange blonde Haare und volle Lippen, sehr attraktiv. Bestimmt vergeben. Oder lesbisch. Der Kerl hinter ihr schaut ihr auf den Hintern, muss sehr schön sein, der Hintern. Denn er merkt nicht, dass das Mädchen an seiner Hand schon zum Klaps ausholt. Aua, das tat weh. Das ist lustig. Und schon vorbei. Das ist langweilig.
Er schaut weiter nach rechts, die Leute verlassen die Station, keiner hat ihn bemerkt. Keiner hat niemanden bemerkt. Auch der Hintern-Mann hat die Frau mit dem Hintern nicht wirklich bemerkt. Er hat sie gesehen, und ihren Hintern hat er angeschaut. Aber hat er sie bemerkt? Nein, wohl eher nicht. Das hat niemand hier, keiner keinen.
Er hatte sie bemerkt. Deshalb fragt er sich auch, warum es passiert ist. Hätte er sie gekannt, dann hätte er es vielleicht gewusst. Aber sie war leider schon zermatscht, als er sie fragen wollte. Wieso hat sie sich auf die Schienen geworfen? Hat sie vielleicht wirklich der Nutte nachgeschaut? Was hat sie daran interessiert? Er hätte sie ja gefragt, bestimmt. Er hätte es sich getraut. Irgendwann. Hätte er es wissen sollen? Nach drei Jahren Beziehung. Hätte er ihre Gründe wissen können? Müssen. Einöde. Nichts los, auf dem Bahnhof heute. So wie immer. Jeden Abend. Jede Woche. Monat. Jahr. Zwei Jahre schon.
Damals hat er sie hier angesprochen. Damals ist lange her. Er hat sie seinerzeit bemerkt. Sie hat ihn bemerkt. Immerhin mehr als sehen! Drei Jahre lang bemerkt, davon über zehn Monate in einer Wohnung bemerkt. Aber gekannt. Wohl eher nicht. Oder warum hat sie die Nutte angeschaut? Hat sie sie überhaupt angeschaut? War es Zufall? War es Zufall, dass sie sich hier treffen wollten? Um sich wieder einmal zu bemerken? Vielleicht hätten sie sich diesmal kennen gelernt. Mein Name ist Soundso. Und deiner, hätte er gefragt. Nein, dein richtiger Name. Dein gefühlter. Der, mit dem ich dich kennen lerne.
Ermüdend. Alles. Blöd, trostlos. Einödig. Gibt es das Wort überhaupt? Einödig. Neologismen aus Einödigkeit. So tief sind wir schon gesunken. Vielleicht waren sie befreundet. Vielleicht hatte sie mit der Nutte Mitleid? Hat sie sich selbst als Nutte gefühlt? Vielleicht, warum auch nicht. So oft wie er sie mit anderen gesehen hat. Aber die haben sie nicht bemerkt. Er hat sie bemerkt. Nicht gekannt und nicht geliebt. Aber sie haben einander bemerkt. In der Großstadt, in der Einsamkeit der Überfülle. In der Verlorenheit der Gemeinsamkeit. In der endlosen Weite des Platzmangels. In dieser U-Bahnstation. Bei ihr. Bei ihm. In ihrer gemeinsamen Wohnung.
Warst du einfach nur abgelenkt? Woran hast du gedacht? Wolltest du mich auch endlich kennen lernen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht, unwichtig. Und wenn auch nicht für mich, dann für die Millionen anderen Menschen, wie den alten Toten neben mir. Wie für all die Toten hier, für die es nur eine weitere Schlagzeile in einer Zeitung voll mit langweiligen, altbekannten Normalzeilen ist. Die wollen sich alle nicht bemerken, nicht kennen lernen, noch nicht einmal sehen.
Jeder lebt im Trubel der Einsamkeit. In der Zeitlosigkeit der Ewigkeit. Er hört den Zug aus dem Tunnel zur Station rasen. Schnellzug, der hält hier nicht. Langeweile. Was nun?
Er steht auf und macht einen Schritt auf die Gleise.
Ende, endlich.

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