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Geschichte

 
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[KG] Und niemand hört mich schreien

sHadZziieh <3, 29. August 2008
Ich sterbe.
Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede einzelne Sekunde meines Daseins stirbt ein Teil von mir, löst sich ab, verschwindet, wird hineingesogen in das schwarze Loch, das du in mich geschlagen hast. Dolche fahren in meinen Körper, stechend, schneidend, zerfetzend, meinen Geist vernichtend und in Ketten legend.
Und niemand hört mich schreien.
Die Holzdielen knirschen, als sich der gefangene Geist zum ungezählten Mal über den zerfetzten Boden wälzt. Stachel und Splitter stecken in seinem Körper, aus unzähligen Wunden fließt das schwarze Blut eines Unmenschen, benetzt den Boden, die Wände, die Decke des Gefängnisses, in das du mich gesperrt hast. Meine blutigen Finger kratzen über die unnachgiebigen Holzbretter, lassen tausende von Furchen in diesem Raum zurück, der mein Kerker ist, bis meine Fingerspitzen vollkommen zerfetzt und meine Hände nur noch blutende Wunden sind.
Ich sterbe.
Und niemand hört mich schreien.
Unmensch nennst du mich, Monster, Bestie, Wahnsinniger. Du legst mich in Ketten und treibst die glühenden Speerspitzen deiner Gerechtigkeit in meinen zerschundenen Körper, schlägst mich mit der Geißel deines Urteils. Ich bin nicht wie du, sagst du, ich bin anders. Du wirfst mich in einen winzigen Raum, du lässt mir nichts zu essen, gibst mir nichts zu trinken. Du lässt mich nicht leben. Du zwingst mich zu sterben.
Und warum hört mich niemand schreien?
Du willst es nicht hören. Du hast nicht das Gehör, siehst nicht mit den Augen, mit denen ich sehe. Du siehst nicht die Schatten, die sich in den Ecken verstecken, die mit ihren spitzen Klauen über meinen malträtierten Körper streichen, in mich eindringen, sich in mir manifestieren. Stärker werden, lauter, größer, sich an mir nähren und mich von innen zerfressen, während ich mich in deinem Gefängnis herumwälze. Solange, bis sie mich vollkommen vereinnahmen, bis sie zu meinem Wesen werden, bis sie ich sind. Du hörst nicht den unmenschlichen Schrei, der aus meiner Kehle dringt, sich mir in einem grausamen, unverfälschten Choral entringt, so misstönend, wimmernd, kreischend, in einer derartigen Lautstärke, dass mir das Blut aus den gequälten Ohren strömt.
Du hörst es nicht.
Siehst es nicht.
Und deshalb schneidest du mir meine Ohren ab, damit ich taub werde, zerstichst meine Augen, um mich blind zu machen, und weidest dich am Anblick meines Leids.
So stehe ich nun in meinem Raum, und ich stehe dort seit Jahren. Die aufgerissenen Fleischfetzen, die einmal meine Finger waren, streichen kraftlos über die massive Holzwand, das ganze Zimmer ist bedeckt von meinem Blut, und der widerwärtige Gestank meiner eigenen Verwesung treibt mich beinahe in den Wahnsinn. Ich spüre, wie ich bei lebendigem Leib verfaule und zerfalle. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie mein einstiges Gesicht in sich zerbricht und meine Schwäche zeigt.
Und warum… warum hört mich niemand schreien?!
Das Licht an der Decke erlischt und lässt mich in völliger Dunkelheit zurück. Und obwohl meine Augen zerstochen und ausgeblutet sind, weißt du, dass ich es bemerke. Du weißt, dass ich es gefühlt habe. Du weißt, dass das Einzige, was mich vom Aufgeben abhielt, dieser unscheinbare Lichtschimmer war, der an der blutverschmierten Decke über meinem vergewaltigten Geist baumelte. Du hast gesehen, wie mein leerer Blick dem sanften Schwung der Lampe folgte, hast gesehen, wie das Lächeln des letzten Widerstandes, der letzten Hoffnung auf dem, was einmal mein Gesicht gewesen war, erschien – und du hast es mir genommen. Warum?
Und warum hörst du mich nicht sterben?!
Du hörst mich. Du hörst es wie der Jäger das letzte Aufheulen, Aufbäumen seines Opfers vor dem Tod hört. Du riechst den Angstschweiß des Monsters, das sich deiner Welt so lange widersetzt, solange Böses in deine heile Umgebung getragen hat. Und du kommst.
Du kommst, mich zu holen, kommst, mich zu töten.
Die Tür des Raumes schwingt langsam auf und lässt einen Strahl blenden hellen Lichtes herein, der wie glühende Finger auf meine Verletzungen trifft. Doch du verdeckst es. Einem riesigen Schattenengel gleich stellst du dich zwischen mich und die Erlösung der Helligkeit.
Du trägst ein Messer in der Hand.
Gut so. Beende es.
Deine schweren Schritte hallen von den blutverschmierten Wänden wider, als du dich mir mit dem Genuss des unausweichlichen Triumphes näherst. Du hast deine Welt bewahrt. Du hast Gutes getan. Du hast mich getötet.
Das Messer erhebt sich wie eine bissbereite Schlange über deinen Kopf, dir vollkommen zu Diensten, bereit auf mich herab zufahren.
Ein Satzfragment spiegelt sich, eingraviert in den Dolch, in gleißenden Lettern im weißen Licht, vier schlichte Worte, die sich für immer in die Innereien meines Geistes brennen, schmerzhafter, verletzender und tödlicher noch als die Klinge, die Sekunden später in meine Stirn rast.
Für immer die Menschen.
Ein Lächeln. Dann bin ich tot.
Du siehst mich sterben.

Wir begraben meinen Geist in dem kleinen Garten hinter meinem Gefängnis. Du gibst mir die Schaufel, lässt mich mein Grab selbst ausheben. Die Erde ist kalt und feucht.
Ich werfe die Überreste meines Geistes, die abgehackten Gliedmaßen, die zerfetzten Innereien, die aufgeschlitzten Gedärme, das würdelose Etwas, das von meinem Stolz geblieben ist, in das schwarze Loch. Dann schütte ich es wieder zu.
Lächelnd.
Ich will eine einzelne rote Rose auf den trostlosen Erdhügel legen, als letztes Zeugnis für den Untergang eines großen Geistes. Du reißt sie mir aus der Hand, schlägst mich lächelnd ins Gesicht. Es sieht gut so aus, sagst du.
Ich glaube dir.

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