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Foto von Leonore Enzmann

Der bleiche Mann

Leonore Enzmann, 14. Juni 2009
Er sah aus wie der Tod, lang, hager, knochig,, kalkweiß im Gesicht. An den Füßen trug er farblose abgewetzte Volleyballschuhe, um seine dünnen Beide schlackerten ausgewaschene graue Jeans, darüber trug er einen knielangen, schwarzen Mantel und seinen Kopf krönte ein runder schwarzer Hut, ähnlich einer Melone.
Einmal in der Woche verließ er das Haus mit einer alten Plastiktüte, auf der in besseren Zeiten „LIDL“ zu lesen war. Er lief langsam, leicht nach vorn gebeugt, seine grauen müden Augen starrten ins Leere.
Nur wenn er Kinderstimmen hörte, bekamen seine Augen Leben, er blickte sich um, bis er die Kinder gefunden hatte, lief auf sie zu, starrte sie an, öffnete den Mund, als wollte er ihnen etwas sagen, schnappte aber nur nach Luft und schloss den Mund wieder.
Oftmals liefen die Kinder schreiend davon, denn sie fürchteten sich vor dem düsteren bleichen Mann.
Dann ging er in Gedanken versunken seinen Weg weiter, vorbei am Kindergarten, über dessen Zaun er lange suchend blickte, dann weiter vorbei am Spielplatz, auf dem er sich ebenfalls suchend umsah.
Einige Male musste er sich von Erwachsenen, welche auf ihre Kinder aufpassten, unflätige Worte an den Kopf werfen lassen, der eine oder andere Vater versuchte ihn sogar von dort zu vertreiben, worauf er nur einen verständnislosen Blick erntete.
Der Mann ging weiter über die Kreuzung, dann kam er ans Aldi, betrat es, kaufte sich Schwarzbrot, Margarine, zwei Paprikaschoten, ein Pfund schwarzen Tee und sieben Dosen verschiedene Eintöpfe. Das war sein Einkauf für die nächsten sieben Tage, dann ging er nach Hause und verließ eine Woche lang seine Wohnung nicht mehr.
Ich wohnte in dem großen Mietshaus genau unter ihm und wusste nur, dass er A. Wagner hieß. Niemals bekam er Besuch, nie hörte ich laute Musik bei ihm, nur manchmal ein leichtes Schlurfen über den Boden, der scheinbar mit keinem Teppich bedeckt war.
Ab und zu, wenn ich mal spät nachts von Freunden oder aus dem Theater nach Hause kam, sah ich, dass bei ihm noch bis zwei Uhr Licht brannte. Er hatte wohl keinen besonders guten Schlaf, doch trotzdem es im Haus still war, hörte ich bei ihm kein Geräusch von einem Fernsehapparat oder Radio. Ich fragte mich so manches Mal, was er wohl bis spät in die Nacht hinein trieb.
Doch der Mann blieb ein Geheimnis, bleich wie der Tod, still wie der Tod, einfach nur gruselig. Ich glaube, ich habe ihn noch nie ein Wort sprechen hören.
Bis vergangenen Freitag. Ich verließ an diesem regnerischen grauen Tag gegen halb sechs Uhr abends mit meinem acht-jährigen Sohn das Haus, um über das Wochenende zu meiner Mutter in den Nachbarort zu fahren. Mein kleiner Saxo stand vor dem Haus in der Parklücke, Benni schnallte ich auf seinem Kindersitz auf der Rückbank fest, klemmte mich hinter das Steuer, ließ den Wagen an und fuhr, nachdem ich mich von der freien Fahrbahn überzeugt hatte, aus der Parklücke. Da ich mich auf der Hauptstraße befand, schaltete ich schnell hoch bis zum vierten Gang und fuhr mit fünfzig Sachen auf die Kreuzung zu. Benni fragte mich noch, ob ich nicht ein bisschen Radiomusik einschalten kann, da raste von rechts aus der Nebenstraße ein Fahrzeug auf mich zu, ohne meine Vorfahrt zu beachten. Ich hörte nur noch quietschende Reifen, fühlte den Aufprall und muss dann ein paar Minuten weggetreten sein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Straßenrand, eine Plastiktüte unter dem Kopf, mein weinender Sohn kniete neben mir. Ein paar Meter weiter standen beide Autos ineinander verkeilt und ein schwarz gekleideter Mann zerrte den betrunkenen Fahrer aus dem anderen Wagen. Von weitem hörte ich bereits die Sirenen von Polizei und Krankenwagen. Nachdem sich der Retter davon überzeugt hatte, dass dem Betrunkenen nichts passiert war, wendete er sich wieder uns zu. Jetzt erkannte ich den bleichen Mann von der Wohnung über mir. Meine ersten Gedanken waren: Gevatter Tod hat dich zu sich geholt.
Er kniete sich neben mich, schaute mir besorgt in die Augen und fragte, ob ich Schmerzen hätte. Dabei lag seine Hand beruhigend auf dem Kopf meines Jungen, der inzwischen aufgehört hatte zu weinen. Ich betastete erst mein Kind, es war wie durch ein Wunder wohlauf, dann betastete ich mein Gesicht, meinen Körper und Beine. Als ich den Kopf heben wollte, zuckte ich schmerzhaft zusammen. Ich hatte ein Schleudertrauma davongetragen und bekam von den inzwischen angekommenen Sanitätern eine Halskrause umgelegt. Wir wurden beide zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht, dort stellte sich heraus, dass wir einen ganz tollen Schutzengel hatten. Es war uns beiden nichts weiter passiert, nur mein armes Auto hatte Totalschaden.
Ich rief meine Mutter an, ob sie Benni übers Wochenende zu sich holen könnte, da ich noch einen Tag zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben sollte. Es war mittlerweile halb acht Uhr, vor halb neun würde sie keinesfalls da sein können, und so bat ich die Schwester auf der Station, für meinen Sohn noch eine Kleinigkeit zu Essen aus der Küche zu besorgen. Als meine Mutter kam, fielen Benni schon fast die Augen zu, sie konnte ihn zu Hause dann gleich zu Bett bringen.
Am Samstag wurde ich nach der Visite aus dem Krankenhaus entlassen, der Verdacht auf Gehirnerschütterung hatte sich nicht bestätigt. Die Halskrause musste ich aber noch einige Zeit tragen.
Ich stieg eine Station eher aus der Straßenbahn aus, kaufte beim Bäcker Kuchen und lief den restlichen Weg zu Fuß. Zu Hause stellte die Kaffeemaschine an und klingelte bei meinem Obermieter. Nach einer Weile hörte ich die schlurfenden Schritte, die Tür ging einen Spalt breit auf und das bleiche Gesicht erschien. Als er mich erkannte, öffnete er die Tür weiter und lächelte mich an. „Na, aus dem Krankenhaus zurück? Alles in Ordnung?“
Ich nickte. „Ich möchte mich bei Ihnen für die schnelle Hilfe bedanken. Kommen Sie auf einen Kaffee zu mir?“ Ich setzte mein schönstes Lächeln auf und der bleiche Mann errötete leicht. Er senkte den Blick und sagte: „Das ist doch nicht nötig.“
„Und ob das nötig ist, Sie haben mir wahrscheinlich das Leben gerettet und natürlich auch meinem Sohn. Bitte, kommen Sie!“
Er folgte mir langsam und schwerfällig wie ein alter Mann. Sein weißes Haar ließ ihn noch älter erscheinen, als er wahrscheinlich war.
Ersetzte sich auf den Sessel und schaute sich unauffällig um. Ich nahm ihm gegenüber auf dem Sofa Platz, schenkte uns Kaffee ein und legte ihm ein Stück Apfelkuchen auf den Teller.
„Wo ist Ihr Sohn?“, fragte er leise.
„Er ist bei meiner Mutter, wo ich eigentlich gestern mit ihm hin wollte. Ich hole ihn Morgen dort wieder ab.“
Das war fürs erste unser Gespräch. Wir aßen und tranken und schwiegen. Vorsichtig musterte ich meinen Gast. Seine Finger waren feingliedrig und lang, die Haut glatt und die Nägel säuberlich gefeilt. Auch im Gesicht hatte er erstaunlich wenig Falten und mit einem Mal hörte ich mich fragen: „Und Sie – haben Sie keine Familie?“ Er starrte mich kurz an, dann senkte er seinen Blick wieder und schwieg. Ich wollte mich schon für meine unverschämte Neugier entschuldigen, doch da fing er plötzlich an zu erzählen.
„Ich habe meine Frau und meinen Sohn vor zehn Jahren verloren. Ein betrunkener Autofahrer hat sie beide auf dem Gehweg überfahren. Sie waren sofort tot.“
Dann schwieg er und auch ich brachte keinen Ton heraus. Das war also sein Geheimnis. Deshalb hatte er sich von allem zurück gezogen. Und deswegen starrte er alle Kinder so an, er suchte in Gedanken immer wieder seinen Sohn in ihnen.
Er blickte zu Boden und ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte. Vorsichtig berührte ich seine Hand.
Er blickte auf und sah mich eigenartig an. „Sie erinnern mich an sie. Mein Sohn war damals 9 Jahre alt.“
Es schnürte mir die Kehle zu. In seinen Augen schimmerte eine Träne und ich musste an mich halten, um nicht los zu heulen.
Plötzlich lächelte er unsicher. „Das habe ich noch nie jemandem erzählt. Ich habe nach dem Unfall unser Haus verkauft und bin hier eingezogen. Sie sind der erste Mensch, mit dem ich seither darüber rede.“

Und ich wusste auf einmal, was zu tun war. Seitdem hat sich mein ganzes Leben geändert.

© Leonore Enzmann 2009

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