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Geschichte

 
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Foto von Leonore Enzmann

Nachtmahr

Leonore Enzmann, 21. September 2009
Jetzt sagt bloß nicht, es gibt keine Nachtmahre. Es wären nur ganz einfach Alpträume, oder irgendwelche Hirngespinste hysterischer Menschen.
Alles gelogen. Es gibt sehr wohl Nachtmahre und ich selbst habe davon in nächster Nähe Kenntnis erlangt.
Meine beste Freundin hatte Besuch von diesem Wesen. Als sie mir davon erzählte, grinste ich in mich hinein und antwortete ihr, sie solle sich endlich mal ein Hobby suchen, um auf andere Gedanken zu kommen.
Losgegangen waren die Besuche des Nachtmahrs kurz nach der Scheidung von ihrem despotischen Ehemann. Es war eine Scheidung mit allem, was dazu gehört, Streit um das Sorgerecht für die beiden Kinder, Teilung des Hauses und des Vermögens, Unterhaltsansprüche und natürlich nicht zuletzt Streit um den Hund. Dieser wurde, im Gegensatz zu den Kindern, nicht um seine Meinung gefragt, bei wem er denn lieber bleiben möchte, und so nahm ihn wie selbstverständlich Annes Exgatte in Beschlag.
Glücklich war der Hund wohl nicht darüber, denn schon am ersten Tag nach der Scheidung biss er Georg in die Hand, woraufhin dieser ihn erst mal so richtig vermöbelte. Das blieb Gott sei Dank den Kindern erspart, sie durften bei der Mutter bleiben, die erstmal mit ihnen zu uns zog. Wir hatten genug Platz im Haus, das obere Stockwerk stand seit dem Tod meiner Eltern leer. Ich hatte mich nie dazu entschließen können, diese Wohnung fremd zu vermieten.
Da das Haus der Ex-Ehegatten verkauft werden musste, zögerte ich aber keinen Augenblick, meine Freundin und deren Kinder aus der Reichweite ihres verbitterten Ex zu retten. Die erste Zeit rief er noch jeden Tag mehrmals bei uns an und beschimpfte Anna und auch uns. Er verlangte die Kinder zu sehen und drohte sogar mit Entführung von der Schule. Wir schalteten die Polizei ein und er bekam die Auflage, sich mindestens 100 Meter von uns fern zu halten, sonst bekäme er als Stalker eine Strafe.
Die Anrufe hörten auf – und der Nachtmahr kam.
Ich erklärte Anne, dass sie natürlich mit den Nerven am Ende sei, das wäre schließlich ganz normal nach dem, was sie in den letzten Wochen mitgemacht hat. Vielleicht wäre es ja das Beste, sie würde einen Psychologen aufsuchen. Das Geschrei war groß, sie warf mir an den Kopf, ich würde sie für verrückt halten, weil ich sie zum Irrenarzt schicken will. Ich wusste gar nicht, wie ich sie wieder beruhigen sollte und so gab ich ihr erst mal ein paar Valium-Tabletten.
Doch die nächste Nacht verging und Anne stand am nächsten Morgen zitternd und mit schwarzen Augenringen vor mir.
„Der Nachtmahr war wieder da. Er ist mir auf die Füße gesprungen, hat mich angeglotzt, laut gelacht und sich dann ganz langsam über meine Beine, Bauch und Brust nach oben gerollt. Ich bekam keine Luft mehr, wollte schreien, aber ich konnte nicht. Dann setzte er sich auf mein Gesicht und trommelte mit den Fäusten auf meine Brust. Ich dachte, ich werde ohnmächtig, aber plötzlich war er weg. Als wäre er zum Fenster raus gefahren.“
Ich nahm die bebende Anne in den Arm, streichelte sie und murmelte: „Du hast schlecht geträumt, vielleicht war die Valium doch zu stark.“
Sie stieß mich weg und schrie: „Ich habe nicht geträumt, ich war hellwach. Warum glaubst Du mir bloß nicht?!“
Jetzt war guter Rat teuer. Ich versprach Anne, die nächste Nacht in ihrem Zimmer zu schlafen. Da ich einen sehr leichten Schlaf habe, war ich mir sicher, ich wache auf, falls sich jemand im Raum zu schaffen macht.
Gegen 4 Uhr erwachte ich tatsächlich von unterdrückten Geräuschen. Sofort war ich hellwach und spähte zu Anne hinüber. Die bäumte sich schweißgebadet in ihrem Bett auf und murmelte unverständliches Zeug. Ihr Atem ging flach, sie stemmte mit ihren Händen gegen … ja was? Es war nichts da, was auf ihr reiten, herumrollen, sie würgen oder schlagen könnte. Ich schaltete das Licht an und fasste beherzt nach Annes Händen, die sich eiskalt anfühlten, obwohl ihr der Schweiß von der Stirn rann. Ich brüllte sie an und sie erwachte mit einem Entsetzensschrei. Dann erkannte sie mich und fiel mir um den Hals. Sie drückte mich so fest, dass ich dachte, der Nachtmahr wäre zurück gekommen und machte sich jetzt über mich her. Nach einer Weile beruhigte sie sich und bedankte sich bei mir, weil ich das Wesen verjagt hatte. Ich war mir zwar keines Wesens bewusst, dass ich hätte verjagen können, doch ich ließ sie erst mal in ihrem Glauben und sie schlief wieder ein. Der Rest der Nacht verlief ruhig und ich freute mich schon auf mein eigenes Bett am nächsten Abend.
Ich musste mit jemandem sprechen, aber zu einem Psychiater wollte ich denn doch nicht gehen, vielleicht hielt er mich ja für verrückt und ließe mich einliefern.
Ich überlegte hin und her und dann fiel mir eine alte Frau ein, die am unteren Ende der Straße wohnte. Sie war schon etwas eigen, hatte kaum noch Kontakt zu anderen Leuten, obwohl sie in jüngeren Jahren Vielen bei so manchem Wehwehchen geholfen hatte. Die Kinder schrien ihr „Hexe“ hinterher und rannten vor ihr davon, wenn sie ihnen mit der knochigen alten Faust drohte.
Naja, was konnte es schaden, sich Rat bei einer Hexe zu holen, wenn man ganz einfach nicht weiter wusste?
Ich ging am nächsten Tag zu ihr, klopfte an ihre Tür, eine Klingel besaß sie nicht. Nach einer Weile hörte ich ein schlurfendes Geräusch und ein Schlüssel wurde von innen umgedreht. Die Tür ging einen Spalt breit auf und wurde dann von einer dicken Kette festgehalten. Die Nase und ein Auge erschienen im Schlitz, sie knurrte: „Was willst Du?“
„Ich brauche Hilfe. – Das heißt, meine Freundin braucht Hilfe. Sie wird von einem Nachtmahr geritten – jede Nacht. Es ist nicht mehr auszuhalten. Wenn das so weitergeht, habe ich Angst um ihr Leben.“
Die Alte schlug die Tür zu, die Kette klirrte und dann stieß sie die Tür wieder auf, voll gegen meinen Kopf, ich sah erst mal Sterne. Sie kicherte und ließ mich ein. Ihre ganze Wohnung schien nur aus einem großen Raum zu bestehen. In der Mitte stand ein gewaltiger Küchentisch mit zwei Holzstühlen. Ein altmodischer eiserner Herd, der zugleich Ofen, als auch Kochstelle war, nahm die halbe Wand ein. Auf der anderen Seite war ein verhängter Alkoven, hinter dessen Vorhang sich wohl ihr Bett verbarg. Ein robuster Holzschrank stand daneben, der sowohl als Geschirr-, als auch als Kleiderschrank dienen musste. Sonst gab es außer einer Tür, die wohl zur Toilette führte, keine Möbel im Raum.
Sie hieß mich auf einen der Stühle setzen und fragte mich dann, wie alles angefangen hatte. Ich berichtete ihr so gut ich konnte und schon nach kurzer Zeit unterbrach sie mich und sagte nur: „So ein alte Rabenaas. Das werden wir dir schon austreiben.“
Dann stand sie auf, verschwand hinter der Tür und kam nach kurzer Zeit mit einem Bündel Reisig zurück. Sie drückte es mir in die Hand und brummte: „Wenn der Mahr heute Nacht wieder kommt, dann wedele mit dem Reisig über ihrem Körper hin und her.“
Damit zog sie mich von Stuhl hoch und setzte mich vor die Tür. Perplex hielt ich das Reisig in der Hand und starrte auf die geschlossene Tür der Alten.
Die Freude auf mein eigenes Bett war dahin. Ich musste also wohl oder übel noch mal bei Anne schlafen und den Nachtmahr mit einem Bündel Reisig vertreiben. So ein Blödsinn!
Ich ging nach Hause, klopfte an Annes Tür und trat ein. Sie saß noch am Frühstückstisch, eine Tasse schwarzen Kaffee vor sich und eine Marlboro zwischen den Fingern. Sie sah entsetzlich aus. Ich setzte mich schweigend zu ihr und schaute sie an. Sie starrte in ihre Tasse, als suche sie nach der Wahrheit im Kaffeesatz, dann zog sie an der Zigarette und blies den Rauch gegen die Decke. Nach einer Weile sah sie mich betreten an. „Was soll ich nur machen? Ich halte das nicht mehr aus. Ich werde irre.“
Sie tat mir unendlich leid. Ein Glück, dass Stefanie und Marco alt genug waren, selbständig in die Schule zu gehen, die vierzehnjährige Stefanie schmierte sogar am Morgen für sich und ihren zwölfjährigen Bruder die Pausenbrote. Ich liebte die Zwei, als wären es meine eigenen. Sie waren Anne in jeder Beziehung eine große Unterstützung, hatten gute Schulnoten und halfen ohne zu murren im Haushalt. Heutzutage eine große Ausnahme!
„Kannst Du heute nach wieder bei mir schlafen?, “ sie sah mich herzzerreißend an. „Ich fühle mich einfach sicherer, wenn Du in meiner Nähe bist.“
Beinahe hätte ich mich verquatscht und biss mir auf die Lippen. Es war besser, ich erzählte ihr nichts von der Alten und dem Bündel Reisig, vor dem der Nachtmahr erschrecken sollte. Ich fasste ihre Hand und sagte: „Natürlich, wenn ich Dir damit helfen kann.“
Die nächste Nacht war es das gleiche Spiel, ich erwachte kurz nach vier Uhr und sah Anne mit einem imaginären Wesen ringen. Leise erhob ich mich, fasste unter mein Bett, unter dem ich am Tage schon das Reisig versteckt hatte und trat auf Annes Bett zu. Sie kämpfte wie eine Verbissene und ich hatte den größten Wunsch, diesen Nachtmahr so richtig zu verprügeln, damit er sie in Zukunft in Ruhe ließe.
Ich fing an, mit dem Reisig über Annes Körper hin und her zu wedeln und je mehr sie kämpfte, desto härter peitschte ich auf das Gespenst ein. Plötzlich war der Spuk vorüber und Anne fiel kraftlos auf ihr Bett zurück. Keuchend setzte ich mich neben sie und musste selbst erst einmal nach Luft ringen. Sie sah mich mit großen Augen an, erblickte dann das Bündel Reisig und plötzlich lächelte sie verstehend.
„Du hast ihn geschlagen. Deshalb hat er so gebrüllt.“
Ich trocknete mir mit dem Ärmel des Nachthemdes den Schweiß von der Stirn und überlegte, ob ich jemanden brüllen gehört habe. Ich hatte es nicht.
„Woher wusstest Du das mit dem Reisig?“ Anne lag immer noch lächelnd ganz still auf ihrer zerwühlten Matratze. „Ich glaube, Du hast ihm eine gehörige Abreibung verpasst, vielleicht merkt er sich das und kommt nicht wieder.“
Nun erzählte ich ihr doch von der Alten und war im Stillen dankbar, dass ich deren Rat angenommen hatte. Anna war schon viel ruhiger, als all die Wochen zuvor. Wir schliefen die restliche Nacht ruhig ohne Zwischenfälle und tranken am nächsten Morgen gemeinsam Kaffee. Die Kinder waren bereits wieder in der Schule, sie hatten von alldem zum Glück nichts mit bekommen.
Der Vormittag verging mit Hausarbeit und ich hörte Anne im Hausflur summend den Mülleimer hinunter tragen. Sie hatte gute Laune und mir fiel zum X-ten Male an diesem Tag ein Stein vom Herzen. Hatte ich es tatsächlich geschafft? Habe ich mit einem einfachen Bündel Reisig ein Gespenst vertrieben? Mir wollte es immer noch nicht in den Kopf. Zur Feier des Tages machte ich Anne den Vorschlag, mit ihr gemeinsam ein schönes Mittagessen zu kochen. Sie war sofort Feuer und Flamme. Wir machten eine Einkaufsliste und gingen zusammen zum nahe gelegenen Supermarkt. Fast alle Zutaten hatten wir bereits im Einkaufswagen, da fühlte ich, wie Anne neben mir erstarrte. Ich blickte sie an und danach in die Richtung, die sie wie fixiert gefangen hielt. Ein eisiger Schauer rann mir über den Rücken und nahm auch mir die Luft. Keine fünf Meter von uns entfernt stand Annes Exmann und starrte uns böse funkelnd an. Über Gesicht, Hals und Hände zogen sich blutige Striemen.
Plötzlich drehte er sich um und verschwand. Wir sahen ihn nie wieder und auch der Nachtmahr war von diesem Tage an nie wieder gekommen.

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