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Foto von Arne Arotnow

Die Unerreichbarkeit des Horizontes

Arne Arotnow, 29. August 2012
Es war einmal ein Mann – vielleicht so einer wie du und ich –, der wollte, auch wenn es seltsam klingen mag, den Horizont erreichen. Er wohnte am Meer und schon als kleiner Junge träumte er davon, aber seine Eltern und eigentlich alle, die ihn kannten, wollten ihm dies aus dem Kopf schlagen. »Denn«, so sagten sie, »es ist nicht möglich, jemals den Horizont zu erreichen. Was auch immer du tust, er läuft dir einfach davon.« Doch der Junge glaubte es nicht und dachte: »Wenn man das, was Horizont genannt wird, mit eigenen Augen sehen kann, muss man es auch erreichen können.« Es vergingen Jahre und niemand glaubte gar daran, dass der Junge, der inzwischen herangewachsen war und in voller Blüte seines Lebens stand, es tatsächlich ernst gemeint hatte. Als junger Mann aber machte er sich einfach davon, ohne sich vorher zu verabschieden, verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Haus seiner Eltern und machte sich auf die Suche nach dem Horizont. »Dort, wo sich Himmel und Erde berühren – dort ist mein Ziel«, sagte er und war sich sicher, es eines Tages zu erreichen, genau wissend, das dies noch keinem Menschen vor ihm jemals gelungen war. Er aber nahm sich einfach ein Boot und fuhr hinaus auf hohe See. Er war jung und unerfahren, aber unerschrocken und mutig. Er kannte und fürchtete keine Gefahren – nichts konnte ihn aufhalten. Dass zu Hause seine Eltern vor Kummer und Sorgen nur noch unglücklich ihr Dasein fristeten, störte ihn wenig. Nur manchmal dachte er an sie und glaubte, sie würden ihn schon verstehen können. Eines Tages würde er, so dachte er, zu ihnen zurückkehren, um ihnen zu erzählen, dass er den Horizont erreicht habe. Mit seinem Segelschiff durchfuhr er die Meere und gelegentlich ankerte er in einer Bucht. Dort arbeitete er für eine Weile als Tagelöhner, um sich für die nächste Reise mit Proviant zu versorgen. Nur selten redete er mit anderen Menschen und wenn doch, dann in einer der vielen Hafenschenken, in denen er sich ab und zu blicken ließ. Er traute ihnen nur wenig, denn immer, wenn er von seinem Vorhaben erzählte, lachten sie ihn aus. Nur einmal, da hatte er Glück, da setzte sich ein Mädchen zu ihm, das ihm sehr gefiel. Er aß und trank mit ihr die ganze Nacht, lachte mit ihr bis zum nächsten Morgen und war glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. Auch erzählte er ihr vom Horizont, doch sie lachte anders als die anderen. Tags darauf begleitete sie ihn mit seinem spärlichen Gepäck zum Kai, an dem sein Schiff verankert war. Es gefiel ihr sehr und er war sehr stolz darauf. Das Schiff, das noch keinen Namen hatte, taufte er auf den ihren. Doch als er sie fragte, ob sie nicht mit ihm fahren wolle, sagte sie Nein. Sie wollte all die Freunde und ihre Familie nicht verlassen. Er verstand sie nicht, versprach aber, eines Tages zu ihr zurückzukommen, nachdem er sein großes Ziel erreicht haben würde. Als er die Bucht verließ, sah er sein Mädchen fröhlich winken. Von nun an waren es zwei Dinge, die ihn nicht mehr losließen: das geliebte Mädchen und der Horizont. Ein ganzes Jahr lang durchkreuzte er die Meere, ohne ihm jemals näher gekommen zu sein. Zwar fuhr er immer darauf zu, doch er vermochte ihn nicht zu fassen. Aufgeben wollte er – dies hatte er sich geschworen – allerdings nie. Erfolglos fuhr er zurück zu seinem Mädchen, das seinen Schmerz über das nicht erreichte Ziel stillen sollte. Als er jedoch soeben vor Anker gegangen war, sah er sie mit einem anderen über die Promenade spazieren. Unglücklich wie nie zuvor in seinem Leben setzte er wieder die Segel und fuhr wie besessen über alle Meere davon. Nur langsam verringerte sich sein Schmerz, den ihm das treulose Mädchen zugefügt hatte. Immer wieder dachte er an ihre Schwüre, auf ihn warten zu wollen. Von nun an hasste er die Welt, die er noch etliche Male im Laufe seines Lebens umsegeln sollte, hörte aber niemals auf, den Horizont zu suchen. Denn er glaubte, dies sei nur eine Frage der Zeit, und eines Tages werde er so nah vor ihm stehen, dass er ihn ergreifen könne. Weil sie ihn nicht verstehen wollten, ging er allen Menschen, so gut es eben ging, aus dem Weg und beredete mit wenigen von ihnen nur das Nötigste. Allmählich war er alt geworden und seine Eltern waren sicherlich schon lange tot. Besonders in stillen, windlosen Nächten, als sein Schiff wie eingefroren auf dem Wasser klebte, als er nicht viel tun konnte, sah er das einzig geliebte Gesicht aus seiner Jugend vor sich. Und er wusste: Er konnte es nicht zurückholen und an sich reißen, so wie es nicht möglich war, die Zeit zurückzudrehen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Das Einzige, was ihm blieb, war seine hartnäckige und besessen geführte Jagd nach dem Horizont, der für ihn im Laufe der Zeit zu einem unerbittlichen Feind geworden war. Und er hasste diesen Feind mehr und mehr und mit ihm alle Menschen, die ihm begegneten, und in seiner Verbitterung schreckte er nicht davor zurück, sie immer wieder zu beschimpfen. Nur noch selten zeigte er sich an Land, kam nur noch selten in die Läden, um einzukaufen und ernährte sich nur noch notdürftig vom Fischfang. Eines Tages war es wieder so weit, sein Wasservorrat war zur Neige gegangen und er kaufte von seinem in frühen Jahren gesparten Geld einige Fässer voll Wasser, die ihm ein paar junge Burschen an den Kai tragen mussten, da ihm mittlerweile die Kraft dazu fehlte. Während sie schleppten, beschimpfte er sie mit schrecklichen Flüchen, weil es ihm nicht schnell genug vonstatten ging und er Freude daran hatte, andere Menschen zu schikanieren. Kaum hatte er die Bucht verlassen, da sackte der Alte, ohne jemals sein Ziel erreicht zu haben, tot zusammen. Die Burschen am Kai sahen dem Davonsegelnden noch eine Weile nach und einer von ihnen sagte: »Seht ihr dort hinten am Horizont? Da fährt der alte Kauz! Und gleich wird er nicht mehr zu sehen sein.«

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