Gedichte2000.de - Die Gedichte-Homepage

Geschichte

 
Zurück Zur Übersicht Weiter

Wie du mir,so ich dir.

Jürgen, 08. März 2004
Gerade hatte Jürgen sich ein Foto an seinem Computer ausgedruckt und war dabei, es einzurahmen. Er stellte sich vor, wie schön das aussieht, wenn das Bild erst mal an der Wand über seiner Kommode hängen wird. Dabei fiel ihm ein, dass er ja keinen Bohrer für den Haken besitzt, um das Bild auch daran aufzuhängen. Deshalb möchte er seinen Nachbar fragen, ob er ihm wohl seinen Bohrer ausleihen möchte. Jürgen schaute auf seine Armbanduhr und sah, dass es bereits später Nachmittag war, und weil heute Samstag ist, möchte Hans, sein Nachbar, bestimmt das Fußball-Bundesligaspiel im Fernseher anschauen. Also ließ Jürgen alles liegen und eilte zu Hans, um noch rechtzeitig vor dem Spiel nach seinem Bohrer zu fragen.
“Hallo Jürgen, komm rein, willst auch einen Kaffee,” begrüßte ihn Hans und führte in gleich ins Wohnzimmer.
“Ich habe wenig Zeit, aber für einen Kaffe reichts allemal,” erwiderte Jürgen höflich, als er am Tisch Platz nahm und dabei um sich schaute. Mit dem Blick auf die Bilder an der Wand bestaunte er diese.
“Tolle Fotos hast du da hängen...”
“Ja, gell? Die hab ich alle selbst fotografiert. Ich lass sie vergrößern und rahme sie ein.”
Jürgen wollte nun zu seinem Grund seines Besuchs kommen und leitete dies auch gleich ein.
“Ich drucke die Fotos mit meinem Computer selbst aus, deshalb habe ich mir auch den neuen PC gekauft, mit allem drum und dran. Gerade bin ich dabei, ein Bild einzurahmen, das ich im Urlaub gemacht habe. Da ist Heidi drauf, die ich von einer Pyramide aus fotografiert habe. Soll ein schönes Andenken vom Urlaub in Mexiko sein....”
“Soll ich dir noch ein Kaffee einschenken?” wurde Jürgen unterbrochen.
“ Och, aber einen ganz schnellen. Ich habe wenig Zeit, denn wenn ich mein Bild eingerahmt habe, möchte ich es heute noch aufhängen. Mein Drucker hat nämlich gesponnen und habe fast zwei Stunden rumgemacht, bis endlich ein Bild zufriedenstellend war. Vielleicht kenne ich mich auch noch nicht richtig damit aus, ist ja noch neu und kompliziert, weil er mehrere Funktionen hat, und...”
“Was hast du denn für eine Anlage gekauft?” wollte Hans wissen
“Eine HP-Anlage. Vorher hatte ich einen Lexmark-Drucker. Aber dies ist nun extra ein Fotodrucker, damit kann ich sogar Negative scannen. Ich will mir nämlich meine Filme nur noch so entwickeln lassen und selbst ausdrucken, die auch gut sind. Das Bild aber, was ich heute gemacht habe ich mit dem Scanner von einem fertigen Foto ausgedruckt....”
Hans stand auf und machte den Fernseher an
“Gleich kommt das Fußballspiel. Du kannst es ruhig mit bei mir anschauen,” unterbrach er Jürgen. Es war schon eine Stunde vergangen.
“Oh je, schon so spät! Ich muss doch noch mein Bild aufhängen. Meinst du, man darf am Samstagnachmittag noch bohren?”
“Natürlich. Ich habe bei meinem Einzug vor vier Wochen auch am Samstag gebohrt.”
“Hast du einen Bohrer?” wollte nun Jürgen wissen.
“Ja, der liegt im Keller. Oh Gott, da muss ich noch aufräumen. Alles voller Gerümpel und alte Möbel. Muss erst so manches entrümpeln. Nächste Woche möchte ich ein Regal in der Küche anbringen, und dabei Löcher bohren. Ich glaube ich finde mein Werkzeug nicht, bevor ich nicht im Keller aufgeräumt habe. Kannst du mir dabei helfen, die Sachen raufzutragen?”
“Na klar, musst nur sagen, wann.”
Jürgen hilft immer gern, wenn er kann. Sie sprachen noch über den Termin, wann die Aktion beginnen soll. Aber den Bohrer kann sich Jürgen wohl heute abschminken. Er kann doch von Hans nicht verlangen, dass er seinetwegen im Keller rumrümpelt, nur um den Bohrer zu finden. Gerade beginnt im Fernseher der Vorbericht zum Fußballspiel. Dieses möchte Jürgen sich auch anschauen.
“So, jetzt gehe ich wieder rüber, Heidi denkt bestimmt, wo bleibt er jetzt schon wieder hängen,” leitete Jürgen seine Verabschiedung ein.
Hans erwiderte lachend:
“Du guckst ja doch bloß das Fußballspiel an. Also bis nächsten Samstag, zur Entrümpelungsaktion. Danke noch, dass du zugesagt hast.”
“ Keine Ursache! Also bis nächsten Samstag.” Jürgen ging die Treppe hinab.
Er war etwas enttäuscht, weil es mit dem Bohrer nicht geklappt hat.
“Und danke für den Kaffee,” rief Jürgen trotzdem noch zurück.

***
Zuhause betrachtete Jürgen sein halbfertiges Bild. Es könnte schon an der Wand hängen, wenn er vorher den Bohrer gehabt hätte. Warum hat Hans ihn so lange hingehalten. Er hätte doch wissen müssen, dass Jürgen den Bohrer braucht. Es wäre doch kein Unglück gewesen nach dem Bohrer zu suchen. Bestimmt weiß Hans genau, wo sein Bohrer ist, aber er will ihn nicht ausleihen. Egal, auch wenn es nicht so ist, so kann wegen seinem Saustall der Jürgen sein Bild nicht aufhängen. Hans ist Schuld, dass Jürgen sein Bild nicht aufhängen kann. Hans guckt jetzt gemütlich sein Fußballspiel an, während Jürgen immer noch vor seinem halbeingerahmten Bild steht und völlig unruhig ist. Hans ist es völlig egal, wie Jürgen sich ärgert. Und in diesem Zustand ist Jürgen die Lust am Fußballgucken vergangen. Hätte Hans von Jürgen den Bohrer ausleihen wollen, hätte er ihn in Nullkommanichts bekommen. Jürgen hat schließlich auch keinen Saustall beieinander. Auch hätte er ihm niemals den Bohrer verweigert. Schließlich hilft Jürgen ihm auch beim Keller aufräumen. Auch das noch! Wie kann man nur so blöd sein, und zusagen, solch einem Egoisten wie Hans auch noch seinen Keller aufzuräumen? Überhaupt, man kann sich auf niemanden mehr verlassen. Was habe ich davon, dachte Jürgen, dass ich mich heute auf Hans verlassen habe?
Ein halbfertiges Bild, das auch noch nicht hängt, kein schöner Fußballnachmittag und obendrein auch noch ein Haufen Arbeit im fremden Keller. Dafür bin ich recht, jammerte Jürgen. Ganz zu schweigen, dass der nächste Samstag auch noch im Eimer ist.
Außerdem musste sich Jürgen von seiner Heidi vorwerfen lassen, dass er heute aber richtig unausstehlich ist. Nicht mal seine eigene Frau hat für ihn Verständnis. Im Gegenteil, er bekommt noch dafür Vorwürfe. Dann muss auch ihr Bild nicht an der Wand hängen, wenn ihr nichts daran liegt. Wozu soll er es noch einrahmen. Wütend packte er alles zusammen und warf es in eine Schublade. Dort soll es verschmoren.
Und aller Ärger nur, weil Hans ihm nicht den Bohrer gab. Der wird zukünftig von Jürgen auch nichts mehr bekommen. Hans kann ihm gestohlen bleiben.

***
Am Montag hat sich Jürgen einen Bohrer gekauft.
Er hat sein Bild fertiggerahmt und aufgehängt, nach dem er sich ein schönes Loch gebohrt hat.
Wie schön, wenn man sein eigenes Werkzeug hat. Und Jürgen hat sich vorgenommen, seinen Bohrer so aufzubewahren, dass er ihn immer finden kann. Außerdem kann Hans einem leid tun, wenn er so schlampig ist.
Jürgen hegt keinen Groll mehr gegen Hans.

***
Am Samstag räumte Jürgen mit Hans dessen Keller auf. Wozu sind denn Freunde auch da. Und nachtragend ist Jürgen keineswegs. Deshalb wollte er heute dem Hans auch nichts unterstellen, was mit dem Bohrer zusammenhängt. Er ist halt doch ein Schlamper. Denn das erste was Jürgen im Keller erblickte, war ein regelrechtes Chaos. Möbelstücke und allerhand Gerät versperrte zunächst das Regal an der gegenüberliegenden Wand. Darauf lagen Fläschchen, Dosen und Geräte. Und oben darauf lag ein kleiner Karton, auf dem zu lesen war: Bosch-Akku-Bohrer.
Jürgen erinnerte sich sofort an den vergangenen Samstag. Man hätte doch kurz mal nachschauen können und hätte den Bohrer sofort finden können. Aber nein, nachtragend ist Jürgen nicht. Schließlich hat er doch nun seinen eigenen Bohrer. Und- na ja ....was soll`s?
So trugen beide die Möbel nach oben, verluden alles in einen kleinen Transporter, den anschließend Hans zu einem Freund fahren wird.
Als alles nach oben transportiert war, zeigte Hans auf Teile eines zerlegten Schränckchen, das er zusammenbauen möchte, um seine Dosen darin aufzubewahren.
“Dafür brauch ich Imbus-Schlüssel. Hast du welche?” fragte er Jürgen. Entschlossen, aber mit bewegter Mine antwortete dieser:
“Nein, leider habe ich keine Imbus-Schlüssel. Aber eine nagelneue Siemens-Schlagbohrmaschine habe ich mir am Montag gekauft. Du weißt doch, ich wollte mir am Samstag ein Bild aufhängen....”

***
Am Sonntag wurde auf der Terrasse von Hans gegrillt. Seine Frau hat alles nett gerichtet. Jürgen und Heidi haben die Salate mitgebracht. Sie laden sich öfter gegenseitig ein.
“Guck mal Hans, was ich gefunden habe,” sagte Jürgen, als er mit Heidi gekommen war, und überreichte Hans ein kleines Päckchen. “Ich habe nicht mehr daran gedacht, dass ich mir mal welche gekauft habe, zum Schnäppchenpreis.”
Es waren Imbus-Schlüssel.
*** ENDE ***
 
 
Impressum | Datenschutz | Regeln | © 1998 - 2012 by Markus Foitzik